Kolumne: Wer Wähler nur mitnehmen will, sieht irgendwann mitgenommen aus

Die neuen Umfrageergebnisse sehen die SPD hinter der AfD. Soweit ist es gekommen in Deutschland. Es hieß nach der Wahl „Wir haben verstanden“. Liegt der Fehler in  sprachlicher Selbsttäuschung?Langsam macht sich bei den (bald ehemaligen?) Volksparteien Ratlosigkeit breit.
„Wir müssen die Wähler wieder mitnehmen!“, heißt es in vielen Motivationsreden.
Aber: Die deutsche Sprache kann oftmals sehr präzise und entlarvend sein.

Mitnehmen oder mitreißen?

Welches Bild haben Politiker vor Augen, wenn Sie „den Wähler mitnehmen“ wollen?
Vielleicht einen einsamen Bürger, der am Bahnsteig steht. Kalter Wind weht. Sand und Staub wehen ihm in die Augen. Strauchknäuel rollen begleitet von mittelstarken Böen über den Bahnsteig. Ein Zug rauscht vorbei. Er fährt zwar nicht in die Richtung, in die der Bürger will, aber der Zug verringert sein Tempo, der Zugführer redet auf den Wartenden ein, hakt sich in dessen Ellenbogen ein, beschleunigt wieder und nimmt ihn mit.

Wenn ein solches „Mitnehmen“ gemeint ist, weckt dies eher Assoziationen an das „Mitschleifen auf eingefahrenen Schienen“ und nicht an den Willen, den Wähler zu überzeugen. Insofern ist die Wortwahl „den Wähler mitnehmen“ vielleicht unfreiwillig entlarvender, als sie gemeint ist.

Moral versus Sachlichkeit

Wer sich politisch und gesellschaftlich in moralapostolische Dogmen hineinmanövriert hat („xyz ist gut für die Wirtschaft“, „Europa und der Euro sind ein Friedensprojekt“, „Ich würde alles wieder genauso machen“) sichert zwar einfach durch moralische Argumente seine Machtposition, kommt aber – wenn es um sachliche Diversifikation und Argumente geht – nur mit Beschädigung der Moral-Postulate heraus. Dies ist weitaus schwieriger als sachliche Neuerkenntnisse zugeben zu müssen. Letzteres scheint der Politik aktuell schon  schwer genug zu fallen.

Vielleicht kommt daher auch der Zwang, den Wähler lieber „weiter so“ mitzunehmen, als ihm eine ruckelige, unbequeme Kursänderung mit Unwägbarkeiten zumuten zu wollen, die aber wieder auf gesundes, de-eskalierendes, de-polararisierendes Terrain führen könnte.

Fehlende Debatten und polarisierende Gesellschaft

Gustave Le Bon analysierte rund um 1910 in „Die Psychologie der Massen“, dass politische Macht durch die Vermeidung sachlichen Debatten gefestigt wird. Er schrieb aber auch, dass eine Masse, die das sachlichen Differenzieren und diversifizierte Sichtweisen verlernt hat, zwangsläufig die Gesellschaft zerreißt und zum Einsturz bringt.

Ein Kommentator schrieb vor einigen Jahren im Kommentarbereich einer Online-Zeitung: „Wenn oben nur pauschalisiert wird, droht die Gefahr, dass unten irgendwann pauschalisiert wird, dann aber meist in die Gegenrichtung. Das sollte unbedingt vermieden werden.“

Ist „korrekt“ das neue „bequem“?

Im Schweizer Fernsehen diskutierte im Sommer 2017 der philosophische Stammtisch die Frage: Befördert political correctness den gegenseitigen Respekt oder behindert es das freie Denken und die freie Meinungsäusserung?
Die spannende Viererrunde sehen Sie hier.

Vielleicht sollte die Bundespolitik wieder den Mut fassen, das Land mutig inhaltlich zu gestalten, statt den bisherigen Kurs moralisch zu verwalten. Eventuelle Protestwähler am Bahnsteig werden dann auch wieder in den Zug der Volksparteien einsteigen … jede Wette.

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