* Windows 10 oder: Obsoleszenz, Software-Abos und Update-Bingo

Die Kollateralschäden durch die halbjährlichen großen Windows 10 Feature-Updates werden nicht weniger. Immer wieder zerlegt es dabei Windows-Systeme. Eine Kritik in Richtung Microsoft und in Richtung fehlender Protestsignale.

Konjunkturprogramm, nein Danke!

Ja, wird sind EDV-Dienstleister und ja, wir leben von Computerproblemen.  Unsere (ironie an) spektakuläre (ironie aus) Geschäftsidee war, möglichst viele Kunden mit möglichst wenig Computerproblemen zu haben und effizient mit ihren Rechnern arbeiten können.

Seit mindestens 12 Monaten, und verstärkt seit einem halben Jahr, fühlen wir uns als Räumungstruppe für Update-Kollateralschäden der Rumpelmannschaft des FC Redmond
und räumen mit Kehrschaufel und Kehrbesen das zerdepperte Porzellan beiseite, das durch -vor allem – Windows 10-Upgrades zerschlagen wird.

EDV-Dienstleister, denen Aufträge wichtiger sind als das Kundenwohl, werden über ein solches „Konjunkturprogramm“ froh sein; wir sind es nicht! Die Computeranwender auch nicht!


Hier nur einige Vorfälle:

Da gibt es sündhaft teure CAD-Software, die 3-4 Jahre alt ist, und nach einem Win10-Upgrade nicht mehr läuft.
Da gibt es DTP-Software selben Alters, die sich nach einem Win10-Upgrade plötzlich nicht mehr installieren lässt.
Abonnierte und dadurch aktuelle Büro-Software für Handwerker verweigert plötzlich den Dienst. Softwarehersteller müssen Patches veröffentlichen, erleben überlastete Hotlines und genervte Kunden, die eigentlich nur eines machen wollen: mit ihren Rechnern arbeiten.

Alleine im Mai und Juni erhielten wir ca 25 Rechner, die nach einem Win10-v1803-Update beispielsweise

  • entweder in einer Bootschleife steckten
  • direkt nach der Anmeldung mit einem Bluescreen den Dienst quittierten
  • keine Netzwerkverbindung mehr aufbauen konnten
  • nicht mehr scannen konnten (u.a. Samsung Document Creator)
  • drei Rechner waren uefi-bios-seitig komplett lahmgelegt
  • verlorene Autostarts (frühere Win10-Updates) und damit Verlust von z.B. Prüfroutinen bzgl. Datensicherungen etc
  • Laufwerksbuchstabenvergabe für zuvor unsichtbare Recovery-Partitionen und raus resultierende Probleme (Nutzer löscht Daten, Laufwerksbuchstaben für Datensicherungslaufwerke passen nicht mehr, etc)

Andere Nutzer sind verärgert wenn Sie – auch bei Win 10 Prof – frühs z.B. den Kassen-PC ihres Ladengeschäfts hochfahren, und dann erstmal 3 Stunden keine direkte Barzahlung durch Ladenbesucher möglich ist, weil ein Win10-Feature-Update nicht mehr aufhaltbar war. Anschliessend ist dann gerne auch der Treiber der Kassenbelegdruckers im Eimer.

An eine Zeitplanung ist kaum noch zu denken; geballt kommt es in den 4 Wochen rund um die Feature-Update-Termine zu etlichen Eil-Einsätzen. Und vermitteln Sie mal dem Käufer, dass die plötzlich auftretenden Totalabstürze seines 3 Monate alten Rechners kein kostenfreier Garantiefall des Computers sind, sondern ein Softwareproblem durch ein Windows-Update.


kleine Software-Entwickler im Patch-Hamsterrad

Wer die 80er und 90er-Jahre edv-seitig erlebt hat, weiß, was damals „Public Domain“-Software war, heute meist sog. „Freeware“. Privatpersonen oder Kleinstbetriebe hatten ein Problem, das es durch Software zu lösen galt. Also programmierte man sich die Wunsch-Software selbst. So entstanden Vereinsverwaltungen, nützliche Windows-Tools, kleine Zeichenprogramme, Adressverwaltungen, Bürosoftware und vieles mehr. Teils entstanden aus diesen kleinen „Klitschen“ erfolgreiche Softwarehäuser.

Auch aus kleineren Softwarehäusern hört man mittlerweile Klagen, dass die Produktinnovation ins Hintertreffen gerät, weil das eigene Produkt alle 6 Monate an neue – Win10-update-bedingte – Architekturanforderungen anzupassen, zu testen und an die Kunden auszurollen ist.

Im Blog des Branchenkollegen und Buchautors Günter Born findet sich ein treffender Kommentar eines Software-Entwicklers:
„Heute, ja heute, kämpfen wir mit den unzulänglichkeiten des Betriebssystems und verbringen mehr Zeit damit “MS Klippen” zu umschiffen als uns auf das eigentlich wesentliche zu konzentrieren. (…) Es ist leider so, Microsoft bietet für Entwickler keine zuverlässige Plattform mehr.“

Diese Problematik dürfte dazu führen, dass immer mehr Softwarehersteller (auch die Nicht-Monopolisten) gezwungen sein werden, die Preise anzuziehen, oder die Kundenschar auf monatliche Software-Abo-Gebühren umzupolen.

Andere, vor allem viele kleine Softwareentwickler, gaben bereits entnervt auf und stellten ihr Programm ein; beispielsweise der Programmierer von Classic Shell.

Steckt hier Absicht oder ein böses Softwarekartell dahinter? Noch ist das eine Verschwörungstheorie. Wer jedoch unser Geldsystem, unser Wirtschaftssystem, die dort vorkommenden Machenschaften und Absprachen kennt und wer in den letzten fünf Jahren beobachtet hat, wieviele lächerlich gemachte „Verschwörungstheorien“ (die oftmals gesunde Denkansätze waren, die manchen Oberen nicht passten), den dürfte es nicht verwundern, wenn irgendwann einmal eine Enthüllung veröffentlich würde, bei der Software-Updates und geplante Obsoleszenz in einen Zusammenhang gerückt werden.


Die Softwareverkäufer freuen sich

Natürlich gibt es Nutznießer. Für etliche Softwarehersteller dürfte es ein Segen sein, wenn zahlreiche Anwender auf neuere Programmversionen umsteigen.
Wo kommen wir denn hin, wenn jemand eine Software kauft, und diese dann – ohne weitere Ausgaben und Gebühren – 3, 5 oder 10 Jahre benutzen will?

Insofern dürften in verschiedenen Sales-Abteilungen die Sektkorken knallen, wenn beispielsweise 3-4 Jahre alte Softwareversionen unverhofft erneuert werden müssen, weil ein Win10-Creators/Featureupdate einige Fundamentalpfeiler der Betriebssystemarchtiktur um einige Zentimeter nach links oder rechts hinoptimiert hat.


Katastrophe ante portas? DSGVO kills Produktionsbetriebe?

Noch laufen etliche Firmencomputer, Bürorechner und Maschinensteuerungen unter Windows 7. Und zwar stabil sowie zuverlässig.

Was ist, wenn Windows 7 ab 2020 nicht mehr mit Updates versorgt wird?
Es gibt auch heute (Stand Juni 2018) etliche Büro- und Industriesoftware, die noch nicht für Windows 10 freigegeben ist.

Was tun? Möglichst viele Firmen-Rechner bei Windows 7 belassen? Dumm nur, wenn ein Datenschutzvorfall passiert und sich heraussstellt, dass das befallene Betriebssystem seit 2 Jahren keine Updates mehr bekam; das gibt einen Negativ-Score bei der Berechnung des Bußgelds.


Die Industrieverbände schlafen

Dass Benutzer von Windows 10 Home als Beta-Test-Vieh eingesetzt werden, könnte den Industrieverbänden egal sein. In KMU’s jedoch dürfte Windows Professional die verbreitetste Variante sein; in Kleinstbetrieben dazu noch ohne Domaincontroller und damit ohne großartig beeinflussbare Update-Richtlinien.

Eine Gesellschaft, die im Kopf bereit für Industrie 4.0 ist, würde bereits jetzt in Form von Industrieverbänden und Politik (in Behörden laufen auch Windows-Systeme!) Sturm gegen Microsoft laufen und eine verlässlichere Softwareumgebung einfordern; zumal ja auch der Bund Millionenbeträge für Microsoftlizenzen bezahlt – eh wurscht; ist ja nur Steuergeld.


War früher alles besser?

Früher war es aber so: Man kaufte eine Windows-Version, nutzte diese 5-7 Jahre und in dieser Zeit wurde seitens der Windows-Updates keine Anwendersoftware „über die Klippe“ geschoben. Heute ist diese Planbarkeit, die vor allem für Betriebe auch eine finanzielle Planbarkeit ist, unter die Dogma-Räder einer „WIndows as a service“-Marketingflatulenz geraten.

Ja, es wäre vermessen, eine Laufgarantie für ein 15 Jahre altes Programm auf einem modernen Betriebssystem zu erwarten. Aber, liebe Microsoft-Manager: Erkären Sie mal dem Chef eines kleinen Mittelständlers oder eines Handwerkers, warum die 4 Jahre Steuerungssoftware oder Anwendungssoftware problemlos unter Windows 7 lief, danach noch problemlos nach einem Update von Windows 7 auf Windows 10 lief und dann erstens nach einem Windows 10 Update den Dienst quittiert und sich – auch nach einer WIndows 10 Neuinstallation – nicht mehr installieren und starten lässt.
Ich als Informatiker, kann mir das technisch erklären.
Der Computeranwender möchte jedoch ein verlässliches Werkzeug,
kein halbjährliches Gimmick-Bingo! Und ich möchte das auch!

 

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