* Debattenkultur versus Verschwörungstheorie-Vorwürfe

Schlagzeile mehrerer Onlineportale am 21.6.2018:
„Grüne werfen CSU Verschwörungstheorie der Grenzöffnung 2015 vor“


Da ist er wieder, der moralische Haudrauf-Hammer, mit dem man eine sachliche Debatte im Keim ersticken kann. „Du bist doch Verschwörungstheoretiker.“
Mal losgelöst vom Thema der o.g. Schlagzeile. Eine sachliche – von allen beteiligten Seiten unideologisch geführte – Debatte ist scheinbar in etlichen Themenfeldern nicht mehr möglich.


Hier mal einige „böse Verschwörungstheorien“ der letzten Jahre, bei deren – zu frühzeitigen – Äußerungen der Vogel gezeigt oder die Rechtskeule ausgepackt wurde:

  1. Es gibt Mogel-Software in Autos. (nein, niemals!)
  2. Unter Migranten könnten Islamisten sein.
    (VT „IS nutzt Migrationsrouten zum Einschleusen von Terroristen“)
  3. Es gibt Anwälte und Ärtze, die zugunsten der „schnellen Mark“ zu stark „asylfreundliche“ Gutachten erstellen. (VT-Schlagwort „Asylindustrie“)
  4. Manche Krankenhäuser führen aus Geldgründen unnötige Operationen durch. (nein, niemals!)
  5. Es gab im Kanzleramt bei einer Presseredaktions-Aussprache die Direktive zur defensiven Berichterstattung über die Euro/Finanzkrisse (ca 2011-2012).
    (VT „Maulkorb“, „Hofberichterstattung)
  6. Bankenvertreter haben die Verträge zur Eurorettung maßgeblich mitgeschrieben.
    (VT „Finanzlobby regiert mit“)
  7. Krisen werden genutzt, um ansonsten nicht denkbare politische Vorhaben durchzuziehen. (ESM, Überwachungsgesetze etc)
    (VT „Schaffe ein Problem und biete dann eine Lösung an“)
  8. Bürger in Deutschland werden von der NSA ausspioniert.
    (nein, bestimmt nicht. Unter Brüdern? Niemals!)
  9. Die Bundesregierung wusste vom NSA-Lauschangriff und der BND kooperierte dabei.
    (siehe aktuelle Artikel BND versus Österreich)
  10. Es gab 2015 den Duktus zur Grenzöffnung zur „Vermeidung unschöner Bilder“, obwohl Konzepte für Grenzkontrollen vorlagen.
    (VT? Eher nicht … siehe Buch und Artikel von Robin Alexander)
  11. Die Politik nutzt Großveranstaltungen oder umfangreiche Gesetzespakte, um in deren medialen Schatten unliebsame Beschlüsse durchs Parlament zu jagen ; gerne auch in den lettzen Sitzungen vor der Sommerpause (Steuererhöhungen, Diätenerhöhungen, Beschränkung der Redezeit von Abgeordneten der Oppositionsparteien etc).
    (VT: sog. „Omnibusgesetze“)

11 Behauptungen, die wenige Jahre oder gar nur Monate später als Realität herausgestellt haben und in Tagesmedien und deren Online-Ausgaben problemlos nachlesbar sind.
Von großen internationalen „kruden Verschwörungstheorien“ wie z.B. „der Irakkrieg wurde aufgrund gefälschter Beweise für Massenvernichtungswaffen begonnen“ mal ganz abgesehen.

Bei der Diskussionskultur zu etlichen verschiedenen Themen fällt seit mindestens 10 Jahren auf: Jeder Querdenker ist ein Abweichler, ein Kritiker oder gar ein „Verschwörungstheoretiker“. Es soll hier nicht um Spinnereien gehen, sondern um gegenläufige Denkansätze.

Ja, es gibt etliche ultraparanoide Spinnereien da draussen im Netz, ja. Aber ist denn gleich jeder Euro- oder EU-Kritiker ein „Europafeind“, jeder Asylgesetz-Kritiker ein „Rassist“, jeder Freund eines friedlichen Europas verschiedener Völker ein „Nationalist“?

Es ist bequem, Gedankengänge oder Themen, die die eigene Komfortzone stören, als paranoide Spinnerei abzutun.

Es sei darauf hingewiesen, dass sich Gesellschaften, Menschen, Unternehmen und auch Volkswirtschaften immer durch Querdenker, durch Innovatoren, durch Gegen-den-Strom-Agierende weiterentwickeln, nicht durch Mitläufertum. Auch Sarkasmus, Ironie und Satire sind – das ist mittlerweile erwiesen – Triebkräfte für die Weiterentwicklung sachlicher Debatten.

Ein Artikel der ZEIT zum Thema „Aluhut“ brachte es jüngst sinngemäß auf den Punkt:
„Der Aluhut verdeutlicht demnach wie kein anderer Gegenstand den Kampf um die Wahrheit und verlangt von seinen Betrachtern eine schwierige Gedankenoperation: nämlich den Unterschied zwischen (..) angebrachter Kritik und dummer Hetze. (…) Diesen Unterschied zu erkennen, darin liegt die Kunst unserer Zeit.“

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