* 2/2: Kommentar zum Bote vom Untermain „Artikel“ Mobilfunkmast Bürgstadt

Der Bote der Telek Boten-vom-Untermain-Artikel vom 12.Dezember 2018 bzgl. des  abgelehnten LTE-Mobilmast-Standorts auf einem Gemeindegrundstück in Bürgstadt „verdient“ einen zweiten Kommentar:


Zitate – und Konter: 🙂

„nur Gemeinden mit funktionierender Infrastruktur bleiben in Zukunft für Familien und Firmen interessant“
1) Familien und Firmen sind in Bürgstadt bestens mit Telefonie versorgt. Internet auf Smartphones und Tablets ist per WLAN-Router in Haushalten und Firmen vorhanden ; zudem per Gast-WLANs in der Gastronomie.

2) Wo war der freiwillige Eifer des Netzausbaus, als Bürgstadt sich selbst um den DSL-Ausbau kümmern musste? Schlechtes Festnetz-DSL war damals schon ein Argument in Hausverkaufs-Gesprächen.

„Entscheidung des Gemeinderats fatal“
1) Wer Begriffe wie „fatal“ verwendet, betreibt verbales Framing und emotionales Buzzwording. Als Meinung in einer als „Gastkommentar“ gekennzeichnet Kolumne wäre das akzeptabel, jedoch nicht als Artikel.

2) Ich schätze Bürgstadt, weil es natürlich und lebenswert ist. Viele Familien sehen das ebenso. Die Gegenbewegung bei ersten Firmen und digital durch hausgemachten Informations-Dauerstress ausgebrannten Menschen ist bereits erahnbar: „ab und zu mal nicht online zu sein, ist Luxus“.

„statt uns zu unterstützen…“
1) Durchsage: (dingdong) Der kleine Robert T-Online möchte bitte aus der Spiele-Ecke von seinen Eltern abgeholt werden. 🙂

2) Ich stelle fest: ein privatwirtschaftlicher Konzern erwartet die bedingungslose Unterstützung von Gemeinderäten und politischen Entscheidern?
… food for thought …

„5G nicht möglich“
1) Exakt das war eine Begründung besorgter Bürger (Sie wissen schon … Bürger … dieses ewig störende demokratische Fehkonstruktukt mit einer eigenen Meinung): Steht erstmal ein LTE-Mast, kommt noch schnell 5G dazu, das hochfrequenter ist und einen noch engmaschigeren Ausbau benötigt.

„kann es sein, dass Bürgstadt ein LTE-Loch bleibt, und wir unser Netz in anderen Gemeinden weiter ausbauen“
1) Im Lobbying ist dies eine Standard-Vorgehensweise gegenüber politischen Entscheidern: Neid durch Vergleiche mit Nachbarn schüren, schlechtes Gewissen verursachen, die Entscheidung dadurch beeinflussen.
(Neid / Vergleichbarkeit versus Sachlichkeit und Standhaftigkeit)

2) Mechenhard, Höchst-Hassenroth, Karbach, Üchtelhausen möchten doch sicherlich auch mithilfe eines Lokalmediums in die Steinzeit geschrieben werden. Dort liefen nämlich dieselben Debatten. 🙂

3) Was wäre, wenn in 5-15 Jahren Touristen und Hauskäufer sich vielleicht bewusst funkarme Orte als Ziele suchen?

4) Wie wirkt denn die Gegenformulierung?
4a) „dass Bürgstadt ein LTE-Loch bleibt“
4b) „dass Bürgstadt eine Nichtdauerfunk-Oase bleibt“ 🙂

„vor diesem Hintergrund (5G) ist die Entscheidung des Gemeinderats absurd“
1) Richtig. Vor dem Hintergrund des Wunsches einer schnellen 5G-Abdeckung Deutschlands, die das wirtschaftliche Ziel der Telekom ist.

2) Es gibt jedoch etliche weitere „Hintergründe“ (eher Vorder-gründe), die in die Entscheidung mit einflossen.

„Entscheidung ignoriert die Digitalisierung Deutschlands“
1) Eine Digitalisierung, die was bitte schön bringen soll? Noch mehr Smombies? Noch mehr Menschen mit Aufmerksamkeitsproblemen durch Dauerbenachrichtigungen? Noch mehr Menschen, die Medien konsumieren und mit nutzlosen Nachrichten ihre menschliche Umwelt belasten anstatt an der frischen Luft Ruhe walten zu lassen? Ist es wirklich nötig, dass ein Auto in der Mittelkonsole per 5G per Sprachsuche die (werbefinanzierten) nähesten Tankstellen und Einkaufsorte aufsucht und vorliest? Bringt uns das als Gesellschaft irgendwie weiter?
(die Wirtschaft ja, die Gesellschaft nein – just my five cents)

2) Ist damit dieselbe tolle Digitalisierung gemeint wie in an deutschen Schulen? Nach dem Motto einfach mal ein paar vernetzte Geräte in die Schulgebäude werfen, in dem Glauben, die Gesellschaft (oder gar die Bildung) würde dadurch besser?

„Entscheidung katapultiert Bürgstadt ins Abseits“
1) 0815-Buzzwording und Influencing-Sprech ohne sachliche Argumente. Lesen
Die folgenden Zeilen bitte lesen, und dann die implizierte Emotion prüfen:
– „Digitalisierung Zukunft Deutschland Familien Firmen“
– „Entscheidung fatal Katapult Abseits Loch“

2) DSL-Versorgung in Firmen und Haushalten ist wichtig Grundversorgung und ein Standortfaktor, ja, richtig.
Mobiles Internet überall, auf Straße, Feld und Flur ist „nice to have“, jedoch nicht „must to survive“.

2) Sprechen wir in 10-20 Jahren nochmal drüber, wenn der flächendeckende Mobilfunk-Feldversuch an der globalen Bevölkerung vielleicht empirisch ausgewertet ist.

„bezweifelt, dass die 90 Bürger die Mehrheit darstellt“
1) wer mit Zahlen Meinungsbildung betreibt, muss auch immer die Bezugsgröße nennen. Ein Großteil der „90 Bürger“ wurden befragt und waren dagegen. Es wurden also nicht gezielt 90 Gegner gesucht.

2) Ich entnehme der o.g. Äußerung, dass es der Telekom um die Mehrheit einer Befragung geht.  Gegenfrage: Wurde von der Telekom im Vorfeld irgendjemand gefragt ob er dafür ist? Wurde von der Telekom im Vorfeld irgendjemand gefragt ob er dagegen ist?
Warum fragte die Telekom bei Privathaushalten an, ob man nicht dort eine Antenne aufs Haus stellen dürfe und bot dabei auch gleich eine Sichtverkleidung an (z.b. getarnt als Kamin)? Es scheint, als würde sich diese Vorgehensweise nicht um Mehrheiten bemühen.
Es bleibt folgendes Geschmäckle: Wir ziehen das durch, möglichst still und leise, dann kriegts keiner mit, dann beschwert sich keiner und wenn sich keiner beschwert, sind statistisch alle dafür?

„Auch in Bürgstadt nutze die Mehrheit jeden Tag das Handy“
1) Wir legen Wert auf begriffliche Präzision:
Handy = Gerät für mobiles Telefonieren
Smartphone = Multifunktionsgerät (Telefonieren, WhatsApp, mobiles Internet, emails etc)

2) Fehlende Zusatzfragen:
2a) Wofür nutzt „die Mehrheit“ das Handy/Smartphone?
2b) Reicht die aktuelle Situation der Mehrheit aus?
2c) Will und braucht „die Mehrheit“ wirklich 24×7 highspeed-Internet „auf der Gass“ und in Wald und Flur?

Teil 1 „Wir haben die besten Funknetzplaner im Land“
1) … Spieglein, Spieglein …. 🙂

2) was ist ein „guter Funknetzplaner“? Einer, der im Vorfeld Konflikte erahnt, diese sachlich diskutiert und eine gemeinsame Lösung mit allen Beteiligten und Betroffenen sucht? Oder einer, dem schnelle und „wirtschafliche“ Funknetzabdeckung wichtiger ist als Standort-Diskussionen und Freihaltebereiche von bis zu 500m (Strahlungsminimierungs-Studie des bayr. Landesamts für Umwelt)?

Teil 2 „Wir haben die besten Funknetzplaner im ganzen Land“
1) Es gibt demokratisch legitimierte Gemeinderäte. Auch das sollte auch respektiert werden.


Mein persönliches Fazit

Wenn ich jemals Abonennt des BvM gewesen wäre, heute hätte ich ihn abbestellt.

Nicht, weil ich nicht mit dem Telekomsprecher einer Meinung bin, sondern weil jeglicher journalistische Ethos fehlt, 1:1 ein Meinungsmonolog eines Unternehmenssprechers als journalistischer Artikel veröffentlicht wurde und ein kommunales Gremium abgekanzelt wurde. Wenn ich Medien nutze, möchte ich nicht Meinungsdiktate lesen, sondern durch Argumente bereichert, irritiert und nachdenklich gemacht werden; auch um meine eigene Meinung immer wieder auf den Prüfstand stellen und ggf. überarbeiten zu müssen.

Zur „Digitalisierung“ gehören auch medienkompetente Menschen. Medienkompetent wird man nicht durch Meinungskonsum, sondern durch Meinungsbildung; insofern wäre es hilfreich, wenn wieder mehr Journalisten zwischen „Meinungsmache“, „Meinungsweitergabe“ und „differenziertem Disput zur eigenverantwortlichen Meinungsbildung“ unterscheiden würden.

Ich möchte darum bitten, keinen Journalisten persönlich zu „dissen“ .. er macht ggf. einfach seinen Job (Inhalte, Auflage, Emotionen bedienen, Meinungen darstellen). Vielmehr sollten wir Journalisten ermutigen, wieder stärker auf ihre Aufgabe einer aktiven thematischen Auseinandersetzung zu achten. Dies ist – vor allem in einer schnellebigen und einzeilig gewordenen Informationslandschaft besonders wichtig, denn die Gesellschaft ist durch fehlende sachliche Tiefe und Agenturticker-Journalismus schon polarisiert genug.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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