** Debattenkultur – Mehr Kant wagen

Seit mittlerweile knapp 10 Jahren kritisieren wir in unserem Kundenmagazin (und seit 2 Jahren auch in diesem Blog) die aktuelle Debattenkultur …

Die XY-Keulen

Moralische Dogmen, stete Wiederholungen belegfreier Behauptungen, das Entkräften sachlicher Kritik durch so manchen Populusmis-Vorwurf, das Bezeichnen mancher Skeptiker als Verschwörer und Spinner.

Selbst konstruktive Euro-Skeptiker wurden und werden als Europa-Feinde tituliert; obwohl etliche Vertreter – auch aus ehemaligen Bundesbankreihen – glühende Europäer sind.
Mahnende Stimmen Monate vor Ausbruch der Finanzkrise wurden als „Crashpropheten“ belächelt.
Journalisten, die z.B. 2015 beim Pauschalbegriff „Flüchtlinge“ auf eine nötige Differenzierung hinwiesen zwischen echtem Asyl (Verfolgung, Krieg), Armutsmigration, Berufsmigration in das Arbeitsleben, Migration in das Sozialsystem,  wurden als Fremdenhasser geschnitten.
Mahner vor und während der NSA-Affäre („Snowden-Papers“) wurde „Antiamerikanismus“ vorgeworfen; ein Begriff, der – seit Donald Trump US-Präsident ist – interessanterweise nicht mehr verwendet wird; USA-Kritik (die ja immer USA-Regierungs-Kritik war) ist scheinbar aktuell erlaubt. 🙂

Emotionale Vereinfachung zersetzt die Gesellschaft

Das Resultat solcher Scheinargument-Reflexe ist – auch das schrieben wir oft genug – die Polarisierung der Gesellschaft.
Wenn kurze, emotionale Behauptungen an die Stelle langer Argumentationsketten treten, sind Tür und Tor geöffnet für Meinungs-Manipulation/Meinungs-Implantation von allen Seiten, d.h. für links- sowie rechtsextreme Angst- und Ideologie-Propaganda, aber auch für staatliche Vernebelungs-Propaganda.

Das erkannte schon Gustave Le Bon in „Die Psychologie der Massen“.
Wenn sachliches, differenziertes Debattieren nicht mehr möglich ist bzw. einer Gesellschaft diese Tugend abtrainiert wird, wird die Volksmasse – umfassender Reflektion unfähig gemacht – die Gesellschaft einreißen, da die Masse dann willenlos „den Versprechen politischer Verführer und Weltverbesserer“ folgen wird.
Keine neue Erkenntnis, denn das lesenswerte Buch erschien im Jahre 1912.


ARD und ZDF entdecken zaghaft das Thema „Streitkultur

Umso spannender ist es, dass am 8.5.2019 das Thema „Debattenkultur“ in den TV-Nachrichten-Mainstream (zdf heute journal) – wenn auch als Randnotiz – Einzug fand.
Pauschale Beschimpfungen wie „Populist, Rassist, Nazi, aber auch Gutmensch“ würden viel zu schnell gezückt und damit wichtige und emphatische Diskussionen erschwert, wurde ein sog. „Streitforscher“ zitiert.

Es wäre schön gewesen, wenn das heute-journal dieses Thema als eigenen Block aufgegriffen hätte. Die Randnotiz erfolgte jedoch – wie könnte es anders sein – im Rahmen eines Berichts, ob man an einer Universität eine Streitkonferenz über den Islam veranstalten dürfe, oder nicht.

Kurze Zwischenfrage: Wenn nicht dort, wo sonst? Waren Universitäten einstmals nicht die humanistischen Horte von Streitkultur, eigener Meinungsbildung, Wissens-Ansammlung, Charakterformung in Eigeninitivative und damit die Wiege der wissenschaftlichen, sozialen und ethischen Weiterentwicklung einer Gesellschaft?

Das Leben in einer Demokratie ist kein Ponyhof.

Seine Meinungen und sein eigenes Weltbild muss man sich – im Rahmen des rechtsstaatlichen Rahmens – erarbeiten, erstreiten, hinterfragen, vertiefen und auch wieder verwerfen dürfen.

Politiker, Bürger und Vereinfacher aller Randextreme, die sich bzgl. der Meinungslandschaft einen Ponyhof mit betreutem Denken oder pauschalen „Wahrheiten“ wünschen, dürfen sich als Wohnort gerne eine Diktatur ihrer Wahl aussuchen.
Dort fällt dann zwar das Diskutieren leichter, aber das Leben schwerer 🙂


Einige Artikel zum Thema:

Mehr Kant wagen:
https://www.cicero.de/kultur/immanuel-kant-philosophie-liberalismus-aufklaerung
Zitat: „„Die Toleranz gegenüber anderen Meinungen sinkt“, urteilte kürzlich der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes. Helfen kann eine Rückbesinnung auf den Philosophen Immanuel Kant. Der Zweifel an der eigenen Erkenntnis ist nach ihm die Voraussetzung der Freiheit.(…) Die Welt mag zwar nicht den Zweiflern, den Haderern, den Hamlets gehören; sie aber sind es, die die Welt zu einer besseren machen.“

Die hohe Kunst zu streiten:
https://www.vdi-nachrichten.com/Karriere/Die-hohe-Kunst-zu-streiten

David Lanius – Die Wahrheit schafft sich ab – Wie Fake News Politik machen
https://www.reclam.shop/detail/978-3-15-019608-3/Jaster__Romy__Lanius__David/Die_Wahrheit_schafft_sich_ab

 

 

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