* Wahl-O-Mat in aktueller Form gestoppt – verdiente Rüge?

Über Sinn und Unsinn des Onlinedienstes Wahl-O-Mat lässt sich streiten. Über dessen Unparteilichkeit auch.

Wahlomat in der aktuellen Form gestoppt:
„Das Verwaltungsgericht Köln verbot der Bundeszentrale für politische Bildung, das Internetangebot, das eine Orientierungshilfe bei Wahlen geben soll, in seiner derzeitigen Form anzubieten.“

https://www.zeit.de/news/2019-05/20/gericht-stoppt-wahl-o-mat-angebot-vorerst-abgeschaltet-190520-99-303216


Der Wahlomat ist unabhängig … nicht

Erst vor Kurzem musste ich in einem Vortrag eines EU-Parlamentariers hören, der Wahl-O-Mat sei unabhängig. So ganz richtig ist das nicht. Der Wahl-O-Mat untersteht der Bundeszentrale für politische Bildung („bpb“). Diese untersteht – wenn auch nachgelagert – dem jeweils aktuellen Bundesministerium und das wird nun mal von der jeweils aktuellen Regierung besetzt.

Wikipedia: „Die bpb ist eine nachgeordnete Behörde im Geschäftsbereich des Bundesministeriums des Innern mit Sitz in Bonn.“

Wie so eine „Weisungsunabhängigkeit“ konkret (nicht) aussehen kann, sieht man hier:
https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/innenministerium-verbietet-vertrieb-von-unterrichtsbuch-ueber-wirtschaft/


Wie funktionierte der Wahlomat früher?

Früher lief das Absolvieren des Wahlomats wie folgt ab:
Man beantwortete die ca 40 Fragen; viele davon sind zu eindimensional formuliert, aber darum soll es jetzt nicht gehen. Nach der letzten Frage erhielt man auf dem Bildschirm eine sortierte Übersicht ALLER Parteien, absteigend sortiert nach Übereinstimmungsquote.

D.h. man hatte als Wähler die Chance, Parteien kennenzulernen, die man zuvor noch nicht kannte. Im Anschluss konnte man dann deren Parteiprogramm im Internet suchen und sich tiefer einarbeiten, um sich ein differenzierteres Bild zu machen.


Wo „verzerrt“ der Wahl-O-Mat?

Seit etlichen Jahren ist es nun aber so, dass nach der letzten Frage die Logos aller antretenden Parteien erscheinen – ohne Trefferquote.
Man musste nun 8 Parteien seiner Wahl anklicken und erfuhr dann, wie stark oder schwach diese mit den eigenen Antworten übereinstimmen.
Und welche Parteien wählt man dabei natürlich aus?
Richtig: Die, die man kennt. Und wahrscheinlich die, die als erstes angeboten werden.
Natürlich droht hierbei die Gefahr, ggf. unliebsame Parteien kennenzulernen. Es droht aber auch die Gefahr, in der eigenen „Filterblase“ stecken zu bleiben.

Unser Kundenmagazin enthielt im Jahr 2013 folgenden Absatz:
„Für die Internetseite ‚Wahlomat‘ sprechen wir bewusst keine Empfehlung aus, da sie keine präzise Antworten für bestimmte Fragestellungen zulässt und auf der Ergebnisseite die nicht etablierten Parteien benachteiligt, da man sich auf 8 Parteien festlegen muss anstatt eine umfassende Treffer-Liste aller Parteien zu erhalten.“


Zweispaltige Tabellen technisch nicht möglich? What?

Ich schrieb damals eine eMail an die Betreiber des Wahlomats und fragte nach, warum man nicht mehr eine nach Übereinstimmung sortierte Liste alle Parteien erhielte, sondern warum man sich im Vorfeld auf 8 Parteien festlegen müsse.

Die Antwort lautete:
„Eine Ergebnis-Auflistung aller Parteien als Tabelle ist technisch nicht möglich“.

Ich schrieb per eMail zwei Gegenargumente zurück:

  1. Warum ging es denn früher?
  2. Warum schaffen es Sportredaktionen im Internet, eine Bundesligatabelle mit 18 Vereinsnamen, Punktezahl, geschossenen Toren, kassierten Toren und Tordifferenz auf einer Bildschirmseite darzustellen, während die Bundeszentrale für politische Bildung eine zweispaltige Tabelle (Parteiname, Trefferquote in %) als technisch schwer umsetzbar einstuft?

Darauf erhielt ich dann keine Antwort mehr.

Fazit: Bundesligatabellen gibt es bis heute; vielleicht in Kürze auch wieder neutrale Parteientabellen im Wahlomat. 🙂

 

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