* Angela Merkel in Harvard – Teil 1 – Wahrheit, Dogmen und Euphemismen

In diesem Blog und in unserem Kundenmagazin haben wir immer wieder die (wohl scheinbar absichtliche) sprachliche Unpräzision der heutigen Politik- und Medienlandschaft kritisiert.
Der Elfmeter, den Angela Merkel in Harvard auf den Punkt gelegt hat, schreit gerade zu danach, – als Bumerang nach Berlin – verwandelt zu werden. (Teil 1 von 2)


„Wir dürfen Lügen nicht Wahrheiten nennen. Und Wahrheiten nicht Lügen.“


Recht hat sie! Darf man nicht!

Nur dumm, das man es gerne selbst tat, zumindest so halb … und Halbwahrheiten sind – wie Lügen und beweis-arme Dogmen  – eben keine Wahrheiten.

Rückblick:

Faktenkritik am Euro?
Vorschläge zu konstruktiven Veränderungen des Währungssystems?
„Scheitert der Euro, scheitert Europa“. – Ende der Debatte!

Faktenkritik an den Bankenrettungen? Zombiebanken pleite gehen lassen,
um langfristige Kapitalvernichtung zu vermeiden und um freiwerdende Ressourcen nachhaltiger nutzen zu können?
„Scheitern ist keine Option.“ – Ende der Debatte!

Faktenkritik an den in Europa zunehmenden volkswirtschaftlichen Ungleichgewichten und zunehmenden Zentrifugalkräften aufgrund zu dominanter deutscher Exportüberschüsse und eines daher für viele Länderwirtschaften zu starren Währungskorsetts?
„Die EU ist ein Friedensprojekt“. – Ende der Debatte!

Kritik an einer ggf. zu blauäuigen Nichtdifferenzierung von Kriegsasyl, Verfolgungsasyl, Wirtschaftsmigration, Berufsmigration, Sozialsystemmigration? Kritik an deutschen Rüstungsexporten in Kriege, die den nahen Osten und Afrika destabilisieren? Kritik an EU-Billigexporten, die afrikanische Volkswirtschaften erdrücken, deren Landwirtschaft unrentabel und deren Länder nicht lebenswert machen?
„Wir schaffen das!“ – „Unser Wachstum“ – „Unsere Arbeitsplätze“ – Ende der Debatte!

Kritik an der Immobilienpreis-Situation? Kritik an Teuerungsraten? Kritik an Blasen in etlichen Anlagemärkten? Kritik an der Nullzinsphase? Kritik an Billigjobs? Kritik an der Tatsache, das zwei Jobs für viele Familien nicht mehr ausreichen? Kritik an der Berechnung der Arbeitslosenrate? Kritik an der Staatsverschuldung?
„Deutschland geht es gut. Vollbeschäftigung. Schwarze Null.“ – Ende der Debatte!

Das stete Widerholen von Dogmen schleift in den Köpfen der Bürger Behauptungen als Wahrheiten ein, die keine sind. Dadurch wird – eine Zeit lang – das Regieren einfach. Man implantiert damit aber (bewusst oder unbewusst) Denkkorridore oder gar Denkverbote in die Gesellschaft; eine sachlich differnzierte ursachen- und lösungsorientierte Debatte wird damit unmöglich. Polarisierung bis hin zur Radikalisierung sind die Folge … und damit ggf. final der Zusammenbruch der Gesellschaft, die man aus egoistisch-bequemem Machterhaltungstrieb per implantierter Denkverbote „doch nur vor Verunsicherung schützen“ wollte.


„Wir dürfen Lügen nicht Wahrheiten nennen. Und Wahrheiten nicht Lügen.“


Richtig! Klingt gut. „Nicht dürfen“ und „nicht machen“ sind jedoch zwei Paar Stiefel.

Gegenfrage:
Warum heißen Kriegseinsätze „Friedensmissionen“?
Warum heißen Staatenrettungen auf Kosten der Allgemeinheit „Rettungsschirm“?
Warum heißt Kaufkraftverlust „Notenbank-Stabilitätspolitik“?
Warum heißt Enteignung von Sparvermögen „Negativzins“?
Warum heißen Verschuldungsanreize „Konjunkturprogramm“?
Warum heißt Flaute „Negativwachstum“?
Warum heißt „Verschuldung“ „Kredit“?
Warum heißt Null „schwarze Null“ und nicht „Null“ oder „rote Null“?
Warum heißt das Abzahlen alter Schulden mit neuen Schulden „Refinanzierung“?
Warum heißt es „Vollbeschäftigung“, wenn immer mehr Menschen von Ihrer Arbeit nicht leben können?

Euphemismen und Wortverdrehungen sind juristisch keine Lügen; verschleiern jedoch Wahrheiten und sind somit eben nicht die (ganze) Wahrheit.


Überspitzt könnte man folgern:

Die Chefin einer Regierung und typische Repräsentantin einer ganzen Politiker-Generation,

  • die um dringend gebotene sachliche Debatten jahrelang einen moralischen Bogen gemacht hat,
  • die im Land der Denker, Sprachpräzisionisten und Dichter eine babylonisch-euphemistische Sprachverwirrung endgültig salonfähig machte
  • die dadurch Themenfelder undiskutiert ließ und dadurch Populismus und Polarisierung begünstigte
  • deren innerparteiliche Nachfolgerin unbequeme Faktencheck-Versuche eines Youtubers lieber als unerlaubte Wahlbeeinflussung einstuft anstatt als Einladung zu einem Dialog
  • deren Politik Instanzen miterschaffen hat, die durch die Parlamente kaum noch beeinflusst werden können (z.B. ESM)
  • deren Staatsanwaltschaften vom EUGH eine nicht gewährleistete Unabhängigkeit attestiert bekamen (s.u.)

erhält von Harvard einen Ehrendoktor in Jura (???) und doziert bei der Preisverleihung über Wahrheit und Lüge. Wir leben in ver-rückten Zeiten.


Jura-Ehrendoktor … und die fehlende Unabhängigkeit der deutschen Judikative?

Zitat Spiegel Online Mai 2019: „Deutsche Staatsanwaltschaften dürfen einem Urteil des höchsten EU-Gerichts zufolge keine Europäischen Haftbefehle ausstellen. ‚In der Bundesrepublik gebe es keine hinreichende Gewähr für die Unabhängigkeit gegenüber der Exekutive‘, urteilte der Europäische Gerichtshof in Luxemburg.
https://www.spiegel.de/panorama/justiz/eugh-deutsche-staatsanwaelte-duerfen-eu-haftbefehl-nicht-ausstellen-a-1269623.html

Hoppla, prächtiger Fail! Hat nicht jüngst die deutsche Spitzenpolitik (Spitze im Sinne von „oben“ und nicht im Sinne von Qualität) wiederholt den moralischen Zeigefinger nach Polen oder Ungarn erhoben bzgl. nicht abhängiger Judikative?
Na aber das ist doch dort was völlig anderes! Ja, vielleicht. Aber macht der Vergleich mit anderen Ländern ein vergleichbares Dilemma im eigenen Land automatisch besser?


Darf sie Twitter-Tweet-Fake-News kritisieren?

Ja, sie darf, denn

  1. arbeitet die deutsche Regierung nicht mit Twitter-Fake-News
  2. arbeitet die deutsche Regierung ja noch nicht mal mit diesem neumodischen Technik-Kram, diesem Neuland, wie hieß es noch gleich … ach ja … Internet.

🙂

(Teil 2 folgt)

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