* Angela Merkel in Harvard – Teil 2 – Von Wahrheit, 1984 und dem Merkel-Wir

In diesem Blog und in unserem Kundenmagazin haben wir immer wieder die sprachliche Unpräzision der heutigen Politik- und Medienlandschaft kritisiert.

Der Elfmeter, den Angela Merkel in Harvard auf den Punkt gelegt hat, schreit gerade zu danach, – als Bumerang nach Berlin – verwandelt zu werden. (Teil 2 von 2)


Tricks zur Enttarnung von Worthülsen-Politsprech:

Wer sich mit Propaganda-Sprache beschäftigt, kennt deren rhetorische Tricks: Pauschalisierung, Buzzwords, Dogmen und Beliebigkeit. Diese Techniken sieht, liest und hört man bei Populisten, bei Regierungen, aber auch in Businessmeetings.

1) Ein schöner Trick zur Entlarvung von „Manipulations-Sprech“ ist es, aus Sätzen positiv-emotionale Buzzwords zu entfernen und sich dann zu fragen, was übrig bleibt.

2) Oder man entfernt alle bedeutungsgleichen Worte. Jüngst sagte ein SPD-Spitzenpolitiker aufgrund des Wahldebakels der SPD: „Wir müssen alle zusammen, gemeinsam, solidarisch, kooperativ zusammenarbeiten“. Klingt gut, ja. Streicht man alle unnötige Worte, dann genügt der Satz „Wir müssen zusammenarbeiten“ … denn in der Bedeutung von „Zusammenarbeit“ steckt alles andere bereits drin. Es helfen dabei die Gegenfragen: Gibt es unkooperative Zusammenarbeit? Nein, sonst wäre es keine.
Gibt es ungemeinsame Zusammenarbeit? Nein, sonst wäre es keine.
Gibt es unzusammene Zusammenarbeit? Nein, sonst wäre es keine.
Gibt es unsolidarische Zusammenarbeit. Und was überhaupt soll „solidarische Zusammenarbeit“ sein?

Oder anders gesagt: Der Fußball fliegt durch die Wohnzimmerscheibe. Das Kind sagt: „Ich wars nicht“. Der Politiker sagt: „Ich kann zweifelsfrei mit Nachdruck und bestem Wissen und Gewissen sagen, dass der Ball in keinster Weise durch mich ohne jegliche Mitschuld meinerseits durch das Fenster geschossen wurde.“

3) Ein anderer Trick ist es, in einer scheinbar konkreten Rede Orte und Zeiten durch wahllose andere Namen zu ersetzen; und schon wird ggf. aus einer scheinbar kritischen Rede ein zahnloser Plattitüdenmix aus dem DataBecker-Floskelgenerator 2.0.


So erging es – bei Angela Merkels Rede in Harvard – unterbewusst scheinbar auch dem Redakteur des FAZ-Feuilletons:
„Wie einfallslos Merkels Rede in Harvard war“:
https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/wie-einfallslos-merkels-rede-in-harvard-war-16215400.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0

Die NZZ macht den Doppelmoral-Check und prüfte die indirekte Kritik am „America First“ im Hinblick darauf, ob es ggf. auch ein „Deutschland first“ gäbe:
https://www.nzz.ch/meinung/america-first-oder-deutschland-zuerst-wo-ist-da-der-unterschied-ld.1465344

Dass die Rede in Harvard einmal wieder moralisch bis moralinsauer war, steht ausser Frage. Ob das angemessen ist angesichts der auf dem heimischen Kontinent wartenden Probleme, fragt sich ein Kommentator – ebenfalls in der NZZ:
https://www.nzz.ch/international/merkel-in-harvard-eine-rede-fuer-das-amerika-das-trump-ablehnt-ld.1485856


„Wir dürfen Lügen nicht Wahrheiten nennen. Und Wahrheiten nicht Lügen.“


Unsere Gegenfragen aus Teil 1 lauteten:
Warum heißen Kriegseinsätze „Friedensmissionen“?
Warum heißen Bankenrettungen auf Kosten der Allgemeinheit „Rettungsschirm“?
Warum heißt Kaufkraftverlust „EZB-Stabilitätspolitik“?
Warum heißt Enteignung von Sparvermögen „Negativzins“?
Warum heißt Null „schwarze Null“ und nicht „Null“ oder „rote Null“?

Warum heißen Verschuldungsanreize „Konjunkturprogramm“?
Warum heißt Flaute „Negativwachstum“?
Warum heißt Verschuldung „Kredit“?
Warum heißt das Abzahlen alter Schulden mit neuen Schulden „Refinanzierung“?
Warum heißt es „Vollbeschäftigung“, wenn immer mehr Menschen von Ihrer Arbeit nicht leben können?

Klingt irgendwie euphemistisch. Verdreht. Geschönt. Manipulativ?


Wahrheit, Lüge … Moment mal! Da war doch was …. 1984?

Gab es da nicht ein Buch, das wir in der Schule – zum Glück! – noch lesen und – danke an die Lehrer! –  diskutieren mussten? (George Orwell, 1984)

Dort gab es das „Ministerium für Wahrheit“.
Ausschnitt aus einer Abhandlung über 1984:

„Die linguale Disziplinierung des Regimes im Roman 1984 geht einher mit:
– der Eliminierung traditioneller Bedeutungen von Wörtern
– Etablierung von Euphemismen zur Verschleierung („Neusprech“)
– Abkürzungen, die den propagandistischen Druck auf das Volk erhöhen
– Verwirrung („doublethink“)
– Schaffung eines schlechten Gewissens, einer Schere im Kopf („mindcrime / Gedankenverbrechen“)

Ein lesenswerter Blog-Artikel über das Neusprech aus 1984 findet sich hier:
http://elfenbeinbungalow.de/2013/05/26/neusprech-wie-man-ohne-argumente-uberzeugt/


„Wir dürfen Lügen nicht Wahrheiten nennen. Und Wahrheiten nicht Lügen.“
.. und das rhetorische Stilmittel des „Merkel-Wir“.


Da war es wieder; das MERKEL-WIR, das man ebenso kennen sollte wie das
GUTTENBERG-PASSIV („meine Dissertation wurde in bestem Wissen und Gewissen verfasst“); politische Sprachformen, denen sich der sprachanalytische Blog neusprech.org immer wieder gerne widmet:

Über-Ziercke, Merkel-wir und Guttenberg-Passiv: eine politische Grammatik

Kurzum:

Die Grundlage, um eine Gesellschaft vor Polarisierung von unten und Machtmissbrauch von oben zu schützen ist präzise Sprache. Dies erfordert Politiker, die Sprache präzise anstatt manipulativ einsetzen sowie Bürger und Medien, die sich von sprachlicher Manipulation nicht ins Bockshorn jagen lassen und stattdessen sprachliche sowie inhaltliche Präzision vorleben und notfalls täglich einfordern.

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