** Das WorldWideWeb wird 25 … und zunehmend unbedienbar

Das WorldWideWeb wird 25. Was ist eigentlich los mit dem WWW? Es wird zunehmends unbedienbar…

Es war einmal. 1993. Mein Praktikumsbetreuer im Fraunhofer Institut für Graphische Datenverarbeitung stürmte in den von dutzenden Unix-Workstations angenehm verstrahlten und – klischeegerecht – fensterlosen Computerraum II, in dem die Rechner nach japanischen Flugzeugträgern benannt waren.
Zielstrebig ging er auf mich zu und sagte: „Arbeite Dich mal in HTML ein!“.

HTML? Hypertext Markup Language.

HTML ist die „Programmier“sprache, mit der man Texte und Seiten im damals aufkommenden WordWideWeb (heute fälschlicherweis als „Internet“ bezeichnet) optisch gestalten kann. Man setzt dabei – sehr stark vereinfacht – in Spitzklammern verpackte Kennzeichner vor und nach zu formatierende Textbereiche.

Beispiel: b für Bold (fett) oder i für italic (kursiv) oder <br /> für einen Zeilenumbruch

Das ist <b>ein</b> <i>Test</i>. wird zu: Das ist ein Test.

Denn als Nutzer der Textverarbeitungen Tasword auf dem Schneider CPC6128 und Word Perfect auf einem 386er-PC Ende der 80er/Anfang der 90er war ich es gewohnt, Formatierungen in einer sog. Tag/Markup-Ansicht zu bearbeiten und zu lesen.

Das WWW der 90er und 2000er

Internetseiten bestanden damals primär aus Text.

So sah das zu Beginn aus:
https://www.cs.helsinki.fi/u/torvalds/

Grafiken und Bilder wurden (auch angesichts der Ladezeiten der damals langsamen Internetverbindungen) nur verwendet, wo sie zur Vermittlung von Inhalten gebraucht wurden. Quadratkilometergroße, nutzlose Bilder von lächelnden, die perfekt gebleichten Zähne zeigenden Wohlfühl-Menschen oder von niedlichen Hundewelpen auf Internetseiten von Handwerksbetrieben oder IT-Systemhäusern wären damals undenkbar gewesen und zudem ein Tabu, auf das man von Programmierkollegen mit 2 Jahre Ächtung wegen unnötigen Verstopfens der Internetleitungen gestraft wurde.

Internetseiten bauten sich schnell auf. Grafiken wurden – damit sich die Seiteninhalte nicht während des Ladens nervend umsortieren und verschieben – damals programierethisch mit ihren Pixelhöhen und Pixelbreiten angegeben:
<img src=“/bilder/logo.jpg“ width=“400px“ height=“120px“>
Auch mit dem Aufkommen von Stylesheets und HTML5 behielt man das bei:
<img src=“/bilder/logo.jpg“ style=“width:400px; height:120px;“ />

Ja, man machte sich sogar die Arbeit und skalierte die Bilder entsprechend ihrer spätere Anzeigegröße klein und rang mit QualitätVersusKompressionsrate-Schiebereglern im Grafikprogramm im jeden Kilobyte-Zehnerschritt bzgl. der Dateigröße. Und man fragte sich: ist die GIF-Lauflängenkomprimierung für dieses Logobild besser geeignet als das jpeg-Verfahren? Oder nimmt man besser das .png-Format?

Gute Internetseiten waren damals schnell aufgebaut und verschoben sich nicht biem Laden, auch nicht beim Scrollen. Auch übersichtlich waren sie, denn ohne kilometerlanges Nach-unten-scrollen waren auf einer Bildschirmseite wesentliche Inhalte oder Produkteigenschaften direkt überfliegbar, erfassbar und lesbar.

Und heute? Moorhuhn meets „Mist, mein Büro ist zu klein“

Kennt noch jemand die Moorhuhn-Spiele? Oder das grandiose Grafik-Point’n’Click-Adventure „Sam’n’Max hit the road“ bzw. dessen Jahrmarkt-Spiel „Wak-A-Rat“, während dem man niedliche Ratten, die per Zufall aus einem von mehreren Löchern eines Brettes herausschauten, mit einem Holzhammer (wie drücke ich es für die heutige Zeit politisch korrekt aus) „anklicken“ musste.

Genauso fühlen sich heute immer mehr Internetseiten an:

Erstens klickt man auch 10 Sekunden nach dem Aufruf einer Seite garantiert neben den Punkt, den man treffen wollte, weil
1.) gerade noch irgendeine Werbung dynamisch zwischenreingrätscht und die Seite um etliche Zentimeter verschiebt und
2.) danach ein Cookie-Hinweis-Banner die Seite um ein weiteres Mal verschiebt
3.) der Superneffe-der-sich-mit-Internetseiten-auskennt auf der Firmenhomepage mit dem „ComputerBild-Databecker-Webdesigner X9“ dutzende Emotion-Bilder ohne Pixelabmessungsangaben eingebaut hat, was zu weiteren seismischen Erschütterungen in alle Himmelsrichtungen führt.

Danach folgt das Overlay-Moorhuhning gegen die Endgegner des WorldWideWebs: das Wegklicken von Datenschutz-Hinweis-Popups, Cookie-Hinweis-Bannern, Haftungsauschluß-Layern und Nutzungshinweisen.

Nach gefühlten 20 Sekunden ist sie dann endlich da: die fertig gerenderte Internetseite.
Zu Modemzeiten ging das schneller, denn die Internetseitenprogrammierer beherrschten damals eine Disziplin: Demut und Rücksichtnahme auf Bandbreite und – auf Anwenderseite – die Rücksicht auf zig verschiedene Rechnersysteme und Rechnergeschwindigkeiten.

Aber stopp, das wars noch nicht. Es folgt noch das panische Aufspringen und Leiserdrehen des PC-Lautsprechers, weil irgendwo 200 Meter unter der unteren Bildschirmbegrenzung sich ein Werbevideo verselbständigt hat und die Check24-Familie in Kundgebungs-Lautstärke über Versicherungen schwadroniert.

Ok, der Kreislauf ist jetzt wieder in Schwung. So, wieder hinsetzen und die Internetseite lesen. Was suchte ich noch gleich? Ach ja. Informationen über ein Produkt. Äh, bin ich bei einem Hersteller gelandet oder auf der Homepage eines Familientherapeuten? Menschenfotos statt Produktfotos. Vierzig große Icons, aber nur 5 Zeilen Produktbeschreibung. Marketingtexte statt Produktfeatures. Kundenzitate statt Produktfotos. Und das Alles ist erst optisch dechiffrierbar, wenn man mit dem Bürostuhl nach 3 Meter hinten rollt, denn „responsive“ scheint wichtiger zu sein als „lesbar“.
Es folgen sodann die zwei Traumata des heutigen Internetnutzers:

1) die Bilddiagonalen-Depression („Warum hab ich mir eigentlich für den Schreibtisch einen 22/24-Zoll-Monitor gekauft, wenn ich auf nahezu jeder Internseite ausser Titel-Logo und Cookie-Hinweis nichts mehr sehe und fünf Seemeilen nach unten scrollen muss, bis ich mal zu den Nutzinformationen gelange.„)

2) die Immobilien-Depression („Ich brauche ein größeres Büro, denn selbst drei Meter Abstand vom Bildschirm reichen nicht aus, um die übergroßen Bilder und Texte Wirbelüberdehnungsbrüche im Nackenbereich erfassen zu können.„)

Exemplarisch:
https://www.devolo.de/internet-ueberall-zuhause.html
https://www.gonitro.com/de/
https://techcrunch.com/

Und dann wäre noch die Kommentierzermürbungstaktik. Auf etlichen Internetseiten wurde das Perpetuum-Mobile erfunden: Will der Leser nach unten zum Kommentarbereich mancher Artikel scrollen, schieben sich dynamisch 5 Zeilen journalistisch hochwertigen Fremdcontents vor das Seitenende („Skandal, diese Spülmaschinentabs sind die besten“ oder „Mann greift in Supermarkt in Bananenkiste und erschrickt zu Tode“). Man scrollt also noch schneller nach unten; aber die KI ist immer einen Schritt voraus, denn die Fremdcontent-Hydra schiebt sofort weitere Zeilen mot Artikelempfehlungen nach. Ok, dann wird halt kein Kommentar hinterlassen.

Kauft man den Duschkopf oder die Dame darunter?

Da lobe ich mir Seiten wie Fefe’s Blog., die zur Leit(ner)-Kultur eines neuen Internetparadigmas werden sollten: Schnell erfassbare Inhalte, text- und informationsbasiert. 🙂

Das gilt nicht für Duschköpfe. Wer sich für einen Duschkopf interessiert, möchte den Duschkopf von drei Seiten sehen, im ein- und ausgeschalteten Zustand die verschiedenen Strahlformen erahnen können und nicht den Kopf der blonden, sich unter der Dusche räkelnden Affäre des Sanitärbetrieb-Geschäftsführers 🙂

Liebe Webprogrammierer, ResponsiveDesign-Aussendienstler und Photoshop-Phillip’s, liebe Produkthersteller und Medienportale, nehmt bitte zur Kenntnis:

Wenn wir Verbraucher uns für einen WLAN-Accesspoint interessieren, möchten wir auf Homepages keine stylisch eingerichtete Neubauwohnung im Kieferorthopädiepraxis-Look besichtigen, wir möchten unsere Möbel nicht erneuern, nein, wir wünschen ein technisches Gerät!
Was wir nicht wünschen: Stilberatung für die Inneneinrichtung und schon gar nicht ein Lächeltraining für’s Familien-Stilleben!

Macht das WWW wieder zu dem, als das es einst begann. Eine effektive und mit wissenserweiternden Hyper-/Crosslinks durchzogene Informationsplattform.

Bei der Gelegenheit … wo bleibt eigentlich der DSGVO-konforme Cookie-Disclaimer, der jetzt durch den Bildschirm schweben sollte? 🙂

Teilen ...