* Wurde Ihre Renten-/Lebensversicherung umbenannt? Das steckt vielleicht dahinter. ( Run off – Entis, Proxalto, Viridium, Skandia Leben, Frankfurter Leben, Athene, Heidelberger Leben etc))

Was ist ein Run-Off? Und was hat die Nullzinsphase damit zu tun?

Um sich dem Thema zu nähern, ist ein Blick auf „das große Bild“ der Staatsverschuldung und Nullzinsphase erforderlich.

 

Wie finanzieren sich Staaten?

Zum Großteil über Staatsanleihen.
D.h. Sie leihen dem Staat Ihr Geld und der Staat verspricht, es Ihnen – mit Zinsen – zurückzuzahlen.

 

Wie heißen Staatsanleihen umgangssprachlich noch?

Rentenpapiere.

 

Warum heißen Staatsanleihen „Rentenpapiere“?

Weil Staatsanleihen verpflichtende Geldanlagevehikel insbesondere für Lebensversicherungs- und Rentenversicherungs-Policen sind. Nicht weil das per se gut ist, sondern weil es quasi Vorschrift ist. Daher werden Versicherungsgesellschaften auch im Finanzsektor „Kapitalsammelbecken zur Finanzierung von Staatsschulden“ genannt.

 

Rentieren sich Rentenpapiere ?
Mit „rentieren“ hat das leider schon lange nichts mehr zu tun, aufgrund des politisch verzerrten, gesenkten Zinsniveaus. Um die Versicherer (nicht die Versicherten) zu schützen, senken die Staaten übrigens immer wieder gerne die gesetzlich festgesetzen Garantiezinsen, die Lebensversicherungen bei Neuverträgen erwirtschaften müssen.
Bis 2011 lag dieser bei 2,25%. Aktuell steht er bei 0,9%.
(Statistik: hier)

 

Aber den Versicherungspolicen geht es doch gut, oder?

Haben Sie in den letzten Jahren auch ein Schreiben erhalten, dass Ihre Versicherungsgesellschaft jetzt „umbenannt wird“ und Ihr Versicherungsvertrag in ein anderes Unternehmen „überführt“ wird? Vielleicht war es nur eine Umfirmierung oder ein Aufkauf. Oder evtl.  war es aber auch ein „Run-Off“.

 

Beispiel „Generali Lebensversicherung wird Proxalto Lebensversicherung“

„Sehr geehrter Versicherungsnehmer. die Lebensversicherung AG XY ist seit xx.xx.2019 Teil der Viridium Gruppe, dem in Deutschland führenden Spezialisten für das Management von Lebensversicherungsbeständen. Wichtig für Sie ist: Ihr Vertrag wird unverändert fortgeführt, Sie erhalten weiterhin alle vertraglich zugesicherten Kapital- und Rentenzahlungen, Sie werden von einem eingespielten Serviceteam betreut (…) Der Eigentümerwechsel wird sorgfältig vorbereitet und durch die BaFin intensiv geprüft“.

Klingt bestens. Solche Schreiben gibt es immer häufiger.
Kein Wort von „Niedrig-/Nullzinsphase“.
Kein Sterbenswort von „lohnt sich nicht mehr“.
Keine Erwähnung der Einstellung des Neukundengeschäfts.

Naja, muss man eben selbst recherchieren. Was ist die Viridium Gruppe?

Laut Homepage (www.viridium-gruppe.com): „Die Viridium Gruppe erwirbt Lebensversicherungsunternehmen und -bestände oder schließt Serviceverträge über die Verwaltung von Beständen ab. Das in Fachkreisen oft als „Run-off“ bezeichnete Geschäftsmodell ist im deutschsprachigen Lebensversicherungsmarkt noch vergleichsweise jung. (…) Das mitunter als Konsolidierungsplattform bezeichnete Geschäftsmodell basiert auf einer simplen Grundidee: Je mehr Versicherungsverträge auf einer einzigen, gemeinsamen Plattform verwaltet werden, desto geringer sind aufgrund von Skaleneffekten die anteiligen Versicherungsverwaltungskosten je Vertrag. (…) Bei einem Bestandserwerb der Viridium Gruppe gehen die Gesellschaften und Bestände vollständig, mit allen Rechten und Pflichten, auf die Viridium Gruppe über. Die Vertragsinhalte werden über die gesamte Laufzeit im vollen vereinbarten Umfang auf Punkt und Komma eingehalten. „


Zwischenruf: Dieser Blog-Artikel soll keine Kritik an Viridium und Co sein. Dieses Unternehmen existiert, weil es einen Bedarf dafür auf dem Markt gibt.
Die Kritikpunkte sollten eher bei der Geld- und Zinspolitik der Regierungen Ihres Vertrauens gesucht werden.


It’s a Run-off ! Was steckt dahinter?

Ein sog. Run-off liegt vor, wenn eine Versicherungsgesellschaft in einer bestimmten Sparte (z.B. Lebens-/Rentenversicherungen) das Neukundengeschäft einstellt, und die Bestandsverträge/policen entweder selbst weiterführt („internal run-off“) oder diese an eine andere – meist schlanker aufgestellte –  Gesellschaft abschie.. äh .. übergibt („external run-off“).

Aufgrund der Nullzinsphase wird das Erwirtschaften von Erträgen, von vertraglich vereinbarten Garantiezinsen und von Überschussbeteiligungen immer schwieriger. Das trifft insbesondere auf staatsanleihenbasierte Kapital-Lebensversicherungen und staatsanleihenbasierte Rentenversicherungen zu, aber auch auch staatsanleihenbasierte Berufsunfähigkeitsversicherungen.

In die Presche springen dann „führende Spezialisten für das Management von Lebensversicherungsbeständen“, sog. Bestandsmanagement-Konzerne mit „run-off“-Geschäftsmodell.
Klingt super. Ironisch-schön ist die Wortwahl: „run off“ bedeutet im englischen: davonlaufen, wegrennen. Herrlich! 🙂

 

Was schreibt die Wikipedia zu „Run-off“?

Zitat: „Hauptursache der seit den 2010er Jahren in Deutschland durchgeführten Run-Offs ist insbesondere die andauernde Niedrigzinsphase, die es den Anbietern von Kapitallebensversicherungen erschwert, die zugesagten Renditen zu erwirtschaften. Aber auch umfangreicher Modernisierungsbedarf, vor allem im IT-Bereich, und gestiegene regulatorische Anforderungen machen es den Unternehmen zunehmend schwieriger, die notwendigen Mittel für gegebene Garantieversprechen und attraktive Überschüsse zu erwirtschaften. Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten kann es daher sinnvoll sein, das Neukundengeschäft einzustellen oder den Geschäftsbereich Lebensversicherung vollständig an Spezialisten zu übertragen. Geschäftsstrategie der Run-Off-Gesellschaften ist es, die übernommenen Versicherungsverträge mit deutlich geringerem Verwaltungsaufwand weiterzuführen. An den Kosteneinsparungen müssen die Versicherten beteiligt werden, dies regelt die Mindestzuführungsverordnung.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Run-Off

Aha. Lebensversicherungskonzerne sind also zu groß, zu dick, zu träge, zu großer Bürokratieapparat, Niedrig-Zinsumfeld, zuviel Bürokratieaufwand, zu unwirtschaftlich. Issnichwahr!!  Wie? Seit 2010? War da was? Achso. Euro-/Finanzkrise. Ist bestimmt nur ein zeitlicher Zufall. 🙂

Laut Wikipedia sind in Deutschland drei solche „Bestandsmanager“ aktiv: Viridium, Athora und Frankfurter Leben.
Untermarken dieser Drei sind:

  • (Viridium): Heidelberger Leben, Skandia Leben, Protektor, Generali Leben
  • (Athora): Delta Lloyd Deutschland, Athene
  • (Frankfurter Leben): Basler Leben, ARAG-Lebensversicherungen, Pensionskasse Pro BAV (Axa), Prudentia Pensionskasse

Weitere Artikel:

Kommentar:

„DüRenddeIsdSischa“ klingt einem noch im Ohr. Stimmt auch. Ist sicher. Was jedoch nicht sicher ist, sind Höhe und Kaufkraft. 🙂

Dass immer mehr Run-Offs-Versicherungsübergaben geschehen, zeigt, dass der Druck des politisch nach unten manipulierten Zinssatzes schon längst bei den Versicherungsunternehmen angekommen ist; auch die Banken werden sich einer solchen Ertragserosion nicht mehr lange entziehen können.

ACHTUNG: Ich halte es durchaus für möglich, dass Medien gewollt/ungewollt bewusst schlechte Presse über Lebensversicherungen verbreiten, denn: jeder Altvertrag mit hohen Garantiezinsen, der gekündigt wird, entlastet die Versicherungskonzerne.


Dieser Artikel soll keine Kritik an Viridium und Co sein. Dieses Unternehmen existiert, weil es einen Bedarf dafür auf dem Markt gibt.
Die Kritikpunkte sollten eher bei der Geld- und Zinspolitik der Regierungen Ihres Vertrauens gesucht werden.


Nachsatz:

Leiten Sie keine übereilten Aktionen ein. Der Neuabschluss von Versicherungsverträgen zieht ggf. neue Prüfungen (z.B. Gesundheit) nach sich.
Erstellen Sie sich Ihr eigenes, auf Sie und Ihre Familie zugeschnittenes Risikoprofil und bringen Sie es mit Ihren persönlichen Hoffnungen und Erwartungen bzgl. weiterer Entwicklungen in Finanzmärkten und Politik in Einklang. Beachten Sie bitte auch, dass die Sachlage bei fondbasierten Versicherungspolicen anders ist.

 

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