* die deutsche Erregungsgesellschaft – Diskussionskultur der Dichter und Denker im Entrüstungs-Eimer

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Auch bei diesem Thema ist die Schweizer Presse beim Blick auf Deutschland der deutschen Presse haushoch überlegen. In der Neuen Züricher Zeitung schreibt Benedict Neff, seit 5 Jahren Deutschlandkorrespondent der NZZ:

„Von der Flüchtlingskrise bis zur Erfurter Ministerpräsidentenwahl. Fünf Jahre Deutschland – ein Land, in dem Nüchternheit (Anm: Sachlichkeit) eine Provokation ist.“

Weiter heißt es im Text:

„die deutschen Debatten sind oft von einer eigentümlichen Hysterie gekennzeichnet. Man denke nur an all die Zeitungskommentare zur angeblichen Schande von Thüringen. Man konnte meinen, ein Nazi habe die Macht ergriffen. Stattdessen wurde ein FDP-Politiker bei einer demokratischen Wahl zum Ministerpräsidenten gewählt – mit den Stimmen der AfD, so viel ist richtig.“

sowie

„In der Schweiz wurde über alle Aspekte der Flüchtlingskrise anders und freier geschrieben. Bei vielen deutschen Journalisten befiel mich das Gefühl, dass sie versuchten, den Kurs der Regierung abzustützen: nur nicht die Willkommenskultur gefährden. Probleme der Zuwanderung wurden eher nicht angesprochen, aus Angst, ihre klare Benennung könnte das Publikum verschrecken. Diese Vorsicht lässt sich mit der deutschen Geschichte erklären, aber sie war einer kritischen Auseinandersetzung mit der Migration hinderlich und schadete dem Ansehen der deutschen Medien.“

und

„Bassam Tibi war lange Professor in Deutschland, lehrte aber auch in Harvard und Yale. Von ihm stammen die Konzepte der Leitkultur und des Euro-Islams, sie tauchten als Begriffe nun gelegentlich in der Debatte auf. Eigentlich hätte Tibi zu jener Zeit der Mann der Stunde sein müssen, ein Erklärer zwischen den Welten. Aber er spielte im deutschen Diskurs kaum eine Rolle, und das dürfte mit seinen Meinungen zu tun gehabt haben. Eine Quintessenz aus dem Gespräch war: Schlecht integrierbare Menschen treffen auf eine Gesellschaft, die nicht fähig ist, Menschen zu integrieren.“

Hierzu sollten einige Dinge ergänzt werden:

Tibi hatte bereits 2002(!) ein Essay für die „Bundeszentrale für politische Bildung“ geschrieben. Auf diesen Artikel „Leitkultur – die Bilanz eines missglückten deutschen Debatte“ von 2002 haben wir in unserem eMail-Kundenmagazin mehrfach hingewiesen, da die dort beschriebenen Sachverhalte einer sachlichen Debatte gut getan hätten und der AfD den Wind aus ihrem Zulauf genommen worden wäre. Zudem warf Tibi Deutschland vor, es habe keine Leitkultur, da es keine Leitplanken durchsetze; man könnte überspitzt aus seinem Artikel folgern: Eine Gesellschaft, die Toleranz mit Beliebigkeit verwechselt und den Unterschied zwischen Liberalität und „jeder darf machen was er will“ nicht vorlebt, kann keine Leitkultur seit, da die Gesellschaft klare moralische Leitplanken vorgeben und insbesondere auch Verstöße dagegen strikt unterbinden muss.

Stattdessen polarisierte sich Deutschland aufgrund wohlwollender Informationspolitik in zwei Lager.
Spätestens seit der Eurokrise etablierte sich – ob man es der GroKo oder der Ära Merkel anlasten will, bleibt offen – eine Debatten-Abwürgungs-Kultur:
– Diffamieren statt Diskutieren
– Hyperventilieren statt Debattieren
– Dogmatisieren statt Differenzieren

Wie Gustave LeBon 1912 bereits in „Die Psychologie der Massen“ folgerte, kann man als Politiker bequem regieren, wenn man der Bevölkerung das differenzierte Denken abgewöhnt; letztendlich folge dann aber die Polarisierung. Wer nicht mehr denkt und nicht mehr offen für andere Ansichten ist, wird zur emotionalisierten, polarisierbaren Masse, die Verführern (egal ob links, rechts, politisch oder religiös) hinterherläuft und zum Einsturz der Gesellschaft beiträgt.
Die Erosion der Mitte, die man durch Vermeidung unbequemer Debatten verhindern wollte und deren Bürgern man unbequeme Teilaspekte verschiedenster Themenbereiche nicht zumuten wollte, wurde dadurch erst möglich.

Zu welchem Schluss kommt der scheidende Deutschland-Korrespondent der NZZ?

„Wenn ich wieder einmal so über Deutschland rede, zitiert ein Freund von mir gern den Schriftsteller Maxim Biller: «Ich fühle mich mit den Deutschen wie ein Psychiater, der langsam auf seinen Patienten keine Lust mehr hat.» So weit würde ich nicht gehen, weil mich der Patient Deutschland nach wie vor fasziniert. Aber nach fünf Jahren, glaube ich, tut es ihm ganz gut, wenn er zur Abwechslung mal einen anderen Psychiater bekommt.“

Also. Deutsche Debattenkultur bitte auf die Couch!

Originalartikel der NZZ (nach kostenlosem Login lesbar):
https://www.nzz.ch/international/anmerkungen-zur-deutschen-erregungsgesellschaft-ld.1541649

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