** medizinische Telematik-Infrastruktur – Staatssekretär will mehr Tempo statt Perfektion?

Diesen Artikel teilen:

Januar 2020: Der Staatssekretär des Gesundheitsministeriums meint, Tempo bei der Digitalisierung sei wichtiger als Perfektion. (??!??)
Es folgt eine um Fairness bemühte Kolumne.

Überschrift/Untertitel:
„Ministerium will Tempo statt Perfektion – Gesundheitsstaatssekretär T.Steffen plädiert bei der Digitalisierung für Mut zur Lücke, um an Geschwindigkeit zu gewinnen.“

Im Artikel wird Gesundheitsministeriums-Staatssekretär Thomas Steffen wie folgt zitiert:

„In einer globalisierten Welt haben wir die Zeit nicht mehr, um die perfekte Lösung hinzubekommen. Die perfekten Lösungen brauchen manchmal zu lange Zeit. Lassen Sie uns den Mut haben, zu Zwischenlösungen zu kommen.“

Fairerweise muss ich sagen, dass aus dem Artikelbestandteil nicht hervorgeht, ob sich diese Äußerungen auf die vom ChaosComputerClub dankenswerterweise angestossene Telematikinfrastruktur-Gerätevergabe-Debatte bezieht oder ob die Aussage allgemeingültig gemeint war.

Ich möchte fair bleiben. Perfektionismus kann eine krankhafte Eigenschaft sein, ein Zeitkiller (10:90-Regel). Natürlich behindern auch Schwellenängste oder die „Bequemlichkeit des Gewohnten“ die Neuadaption neuer Technik.

ABER: Bei den Verfahrensfehlern zur der Telematik-Infrastruktur-Zugangs- und Gerätevergabe handelt es sich nicht um Fehler bei der „Perfektion“, sondern um jahrelange organisatorische Verfahrensfehler auf niedrigem Niveau.
Die IT-Sicherheit der Telematik wurde im Vortrag auf dem 36c3-Kongress des ChaosComputerClubs nicht kritisiert, da sich die Computer-Experten sinngemäß dachten: „Warum sollen wir uns die Mühe machen, das Türschloß technisch zu überwinden, wenn wir uns vielleicht einfach einen eigenen Zugang bestellen können?“ 🙂

Kurzum: Wie so oft wurde auch bei diesem Projekt vor lauter Technik-Fokussierung das Thema „Social Engineering-Offline-Angriff“ übelst vernachlässigt. Das ist insofern schade, weil das keine neue Erkenntnis ist.


Sprachpräzision Teil 1: Projektleiter-Neusprech versus Sprachpräzision

Die deutsche Sprache erlaubt präzise Differenzierungen. Perfektionismus, Perfektion, Qualität, Mittelmaß, Leichtsinnsfehlern, grobe Fahrlässigkeit, Pfusch … das ist die Bandbreite, wie man Projekte umsetzen kann.
Produkte und organisatorische Verfahrensweisen müssen nicht immer unbedingt perfektionistisch oder perfekt sein, aber einen bestimmten Qualitätsstandard sollten sie schon erfüllen.

Man muss es den Referenten auf dem 36c3 hoch anrechnen, dass das Zugangs-/Geräte-Vergabeproblem neutral vorgetragen wurde, ohne Polemik und ohne hämischen Verriss! Ein Ministerium sollte die Erkenntnisse des Vortrags als Handreichung verstehen, aber scheinbar entschied man sich dafür, mit der Nebelkerze „ja aber schau, die anderen Länder digitalisieren viel schneller als wir“ von der Sachthematik abzulenken.


In einer globalisierten Welt haben wir die Zeit nicht mehr, um die perfekte Lösung hinzubekommen.“

Na prima; dann ist ja alles gut. Dann kann man nur hoffen, dass niemand von uns und niemand aus den Entscheidergremien irgendwann einmal

  • ein autonom fahrendes Taxi nutzt
  • sich unter einer Paketdrohne bewegt
  • ein Handy mit Billig-Akku in der Hosentasche hat
  • in einer Boing 737 Max mit billig programmierter Software fliegt
  • im Altersheim von einem Wundliegen-Vermeidungs-Pflegeroboter im Bett gewendet wird

dessen Hersteller das Motto „in globalisierten Märkten ist Tempo wichtiger als Perfektion“ verinnerlicht hat.
Um’s nochmal zu sagen: Das wünschen wir Niemandem!


„Der Staatssekretär kritisierte, dass Diskussionen über Digitalisierung im Gesundheitswesen zu ‚bedenkenzentriert‘ ablaufen.“

Ja, das mag sein. Nörgler erbringen keinen Fortschritt; Visionäre setzen Trends und Evolutionen in Gang. Vollste Zustimmung. Vielleicht muss jedoch der „German Angst“ mit besseren sachlichen Argumenten begegnet werden.
Wenn aber bei der Telematik-Gerätevergabe banalste Fehler gemacht werden, die z.B. bei Mobilfunkanbietern seit Jahren bekannt und hoffentlich abgestellt sind („Double-Sim-Attacke“; d.h. Anforderung und Zusendung einer neuen SIM-Karte des Opfers an eine beliebige Postadresse, um z.B. Banking-SMS-Tans abzufangen), dann bleibt mir als Informatiker nur „bedenkenzentriertes“ Kopfschütte

„Er plädierte für eine Gleichrangigkeit von Chancen und Zweifeln“

Dagegen ist Nichts einzuwenden. Wurden denn die Chancen und Vorteile der TI-Infrastruktur und deren künftiger Möglichkeiten den Ärzten direkt vor Ort (Wortspiel „praxisnah“) vorgestellt und vermittelt? Ich fürchte nein. Vielleicht waren Publikationen und Schriftsücke angesichts des (bürokratiebedingen?) Zeitmangels der Ärzteschaft zu zeitraubend, um gelesen zu werden? Der erste menschlich-persönliche Kontakt zur TI dürfte für viele Arztpraxen der externe Dienstleister gewesen sein, der den Konnektor angeschlossen, das Gerät (nicht die eventuellen zukünftigen Vorzüge) kurz erkärt und sich dann auf den Weg zum nächsten Einsatzort gemacht hat.
Vielleicht wäre es weniger „bedenkenzentriert“ verlaufen, wenn man – chancenzentriert –  in einer Informationskampagne erstmal alle Beteiligten ins Boot geholt hätte, anstatt sie – tempozentriert – mit Honorarabschlägen ins Boot zu zwingen?

„Wir müssen offener werden für Ideen, die von außen kommen…“

Auch dagegen ist Nichts einzuwenden. Eine Bedingung dazu ist jedoch, dass man schon vor dem Projektbeginn Skeptiker und Ideengeber unterschwellig nicht als „bedenkenzentrierte“ Globalisierungsgeschwindigkeitsbremser fehlinterpretiert, sondern sie proaktiv mit ins Boot holt. Fehler, die man im Vorfeld vermeidet, kosten in der Realisierungsphase weniger Zeit, weniger Nerven und weniger Geld.


Sprachpräzision Teil 2: Von Wagemut und Risiko

„Wir wollen mehr Digitalisierung wagen und wir wollen mehr Tempo dabei entwickeln.“

Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber wir waren ja beim Thema „Sprache“:

  1. in der Wortwahl „etwas wagen“ steckt das Wort „Wagnis“ … und damit auch „Abwägung“.
  2. wenn jemand „wir wollen“ sagt, aber damit „ihr sollt“ meint, sollte man hellhörig werden. Das vereinnahmende rhetorische Stilmittel namens Merkel-Wir hat das CCC-Mitglied maha oft genug auf seinem Germanistik-Rhetorik-Blog sowie im Buch „Sprachlügen“ analysiert.

Zitat aus Wikipedia: „Im alltäglichen Sprachgebrauch wird in der Regel kaum oder gar nicht zwischen den Begriffen Wagnis, Risiko, Gefahr, Abenteuer sowie deren Wortfeldern unterschieden. Ausdrücke wie gewagt, riskant, gefährlich, abenteuerlich oder risikoreich erscheinen austauschbar. Mangelnde begriffliche Präzision behindert jedoch ein differenziertes Denken (…)  Die Synonymensprache verarmt das Ausdrucksvermögen.“

Wir Alle, als Gesellschaft, sollten die Sprache wieder präziser nutzen und unbequeme Debatten sachlich ausdifferenzieren anstatt sie auf die emotionalisierte, moralisisierte oder ökonomisierte Ebene zu verlagern, um sie mit vermeintlichen Killerphrasen abzwürgen.


Konstruktiver Vorschlag zum Schluß:

Vielleicht wäre es ja eine sensationell neue Idee, wenn künftig bei jedweder Reform (Datenschutz, Digitalisierung von Schulen, Digitalisierung Gesundheit, Kassenbonpflicht, PSD2 usw.)  einfach mal diejenigen Personen aus den gelben Seiten herausgesucht und in die Planungsgremien eingeladen werden, die seit Jahren im jeweiligen Themenfeld arbeiten (müssen), sich mit Technik und Angriffszenarien/Hacking auskennen und persönliche Verantwortung für Ihr Handeln gewohnt sind; zum Wohle des gesamten Projekts inklusive der Ärzte, Ministerien, Krankenkassen, Sicherheits-Experten und Patienten.


Quelle (Äußuerungen des Staatssekretärs):
https://www.aend.de/article/202423


Verwandte Artikel aus unserem Blog:

Abschließend noch ein Buchtipp, mit dem man sich das Angreifer/Verteidiger-Denken aneignen kann, das vor solchen nicht-technischen Identitätsbetrugs-Attacken schützt:
Kevin Mitnick: Die Kunst der Täuschung

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen oder geholfen?
Bedanken Sie sich? Mit einer kleinen Anerkennung für die inhaltliche Arbeit?
Jeder Betrag ist willkommen. Lieben Dank!