* Corona: Schnelle Rückkehr zur dauerhafter Schulnormalität fraglich. Aerosol-Forscher im Interview; internationale Beobachtungen und Maßnahmen

Auf eine dauerhafte Rückkehr zu Schulnormalität und Privathaushaltsnormalität sollte man sich nicht verlassen. Hier einige Artikel zum Thema.

Aerosolforscher im Interview mit dem RND

Einige Auszüge: (Zitat)

„Eine infizierte Person reicht aus, damit ein Raum innerhalb von ein paar Minuten voll mit Aerosolen ist. Man kann sich das vorstellen, wie ein Raucher, der permanent im Raum Rauch ausstößt. Selbst in acht oder zehn Metern Entfernung ist der Rauch nach ein paar Minuten wahrnehmbar. Virenbeladene Aerosole sind sogar noch ein bisschen kleiner als Rauchpartikel und schweben dadurch noch besser. Wir sind so eine Art Mixer, der die ganze Raumluft umwälzt. Sobald eine Person im Raum ist, gibt es immer eine Luftbewegung, die die Aerosole verteilt. Denn der Mensch ist wie ein kleiner Heizkörper: Wir geben Wärme ab, sodass Luft nach oben strömt. Innerhalb von wenigen Sekunden sind die ausgeatmeten Partikel an der Decke – und danach verteilen sie sich links, rechts und überall im Raum, um an anderer Stelle wieder herabzusinken. Das heißt, wir sind so eine Art Mixer, der die ganze Raumluft umwälzt.
(…) Jede einzelne Person trägt dazu bei, dass die Luft umgewälzt wird. Wenn zwei Personen in einer Turnhalle stehen würden, dann gebe es nur eine sehr geringe Luftbewegung, weil es ein riesiger Raum ist. Wenn aber in dieser Halle hunderte Menschen stehen, dann wird die Luft auch sehr schnell durchmischt. Dazu braucht es nicht einmal eine Belüftungsanlage, sondern wir als Menschen verteilen die Partikel sehr schnell im Raum. Hinzu kommt, dass die Lüftungsanlage nicht so viel Luft transportiert, wie wir als Menschen durch unsere Heizwirkung bewegen.

Was bedeuten diese Erkenntnisse für den bald startenden Regelbetrieb an Schulen nach den Sommerferien?

Ich betrachte das sehr kritisch. Dazu muss man wissen, es gibt vier Einflussgrößen im Hinblick auf die Aerosolkonzentration. Erstens: Wie viel stößt ein Mensch überhaupt an Aerosolen aus? Diese Komponente variiert je nach Tätigkeit. Beim Atmen stoßen wir beispielsweise weniger Aerosole aus als beim lauten Singen. Die zweite Komponente ist die Raumgröße. Sprich, je größer der Raum ist, desto länger dauert es, bis sich die Aerosole verteilen und eine bestimmte Konzentration erreichen. Die dritte Komponente ist die Frischluftmenge und die vierte die Aufenthaltsdauer. Je länger eine Infizierte oder ein Infizierter im Raum sitzt, desto mehr Aerosole atmet sie oder er aus, und die gesunden Personen atmen die mit Viren beladenen Aerosole permanent ein. Das heißt, die Aufenthaltsdauer ist in jedem Fall ein Risikofaktor. Es ist seit mehreren Jahren bekannt, dass die Luftqualität und das Lüftungsverhalten in Klassenzimmern in der Regel nicht besonders gut sind. Sprich, es muss ein ganz anderes Lüftungsverhalten entwickelt werden – und de Schüler und Lehrkräfte müssten sich weniger in den Räumlichkeiten aufhalten.
(…)
Grundsätzlich kann man eigentlich nur empfehlen, die Fenster wie im Sommer permanent offen zu lassen. Das ist im Winter natürlich schwierig. Dann sollte auf jeden Fall versucht werden, die Fenster so lange wie möglich auf Kipp zu halten, sodass permanent ein Luftaustausch stattfindet. Oder es müssen wenigstens alle 15 bis 20 Minuten für ein paar Minuten die Fenster komplett geöffnet werden. Also viel öfter als bisher. Die Pause müsste viel länger sein und es sollte kräftiger gelüftet werden. Auch die Aufenthaltsdauer in den Räumen sollte so kurz wie möglich sein. Teilweise halten sich die Schüler und Lehrkräfte knapp zwei Stunden in einem Raum auf – das ist viel, viel zu lange. Unsere Berechnungen würden ungefähr sagen: 30 Minuten Unterricht, 15 Minuten Pause. Die Pause müsste viel länger sein und es sollte kräftiger gelüftet werden. Und die Unterrichtszeiten müssten eigentlich kürzer sein. Ob das jetzt sinnhaft und umsetzbar ist, sei dahingestellt, aber es soll ein Anstoß sein, um zu schauen, was alles verändert werden kann.
(…)
Wenn die Schüler tatsächlich im Regelbetrieb sind und alle Abstandsgebote fallen, wie es jetzt angedacht ist, dann müssen auf jeden Fall Masken getragen werden.
Da spielt dann nicht nur die Aerosolkomponente eine Rolle, sondern auch die Tröpfcheninfektion. Die Tröpfchen können wirkungsvoll mit den Masken aufgehalten werden. Zwar gehen Aerosole zu 90 Prozent an den Maskenrändern vorbei, allerdings verhindern die Masken, dass mein Gegenüber meinen Atemluftstrom direkt abbekommt. Stattdessen wird der Luftstrom umgelenkt. Die Aerosole gelangen in die Raumluft, aber nicht mehr in hochkonzentrierter Form auf mein Gegenüber. Solange keine Abstandsregeln eingehalten werden, muss meiner Meinung nach also eine Maske getragen werden.

Das komplette Interview:


Physik/Thermik: Aerosole/Schwebpartikel in warmer trockener Luft / Wintermonaten:

Partikel (auch infektiöse Aerosole) schweben in warmer, trockener Luft deutlich länger und weiter.
Einerseits aufgrund des Auftriebs warmer Luft, andererseits sind Schwebepartikel durch weniger Feuchtigkeitsanhaftung leichter und schweben länger. Zudem werden leichtere Partikel durch Luftbewegungen (z.B. bei Bewegung eines Menschen im Raum) stärker aufgewirbelt als schwerere Partikel.
Hinzu kommt auch die schlechtere Befeuchtung und leichtere Reizung von Schleimhäuten u.a. in Nase und Rachen während der Heizperiode.
Die Zeit von Oktober 2020 bis März 2021 wird für die Einordnung der Gefährlichkeit und Ausbreitungsfaktoren von Covid19 ein aufschlussreicher Zeitraum werden.

Weitere Aspekte:


News4Teachers: Stoßlüften in Klassenzimmern reicht nicht aus

Einige Auszüge:

„Die Wissenschaftler haben untersucht, wie sich Aerosole in der Raumluft verteilen. Kriegel hält es für besser, schon nach 30 Minuten eine Lüftungspause einzulegen, in der das leere Klassenzimmer 15 Minuten lang gelüftet wird. Ob eine Fensterlüftung wirklich ausreicht, hängt maßgeblich von den Witterungsverhältnissen ab: Bei Windstille oder bei geringem Temperaturunterschied zwischen innen und außen strömt nur sehr wenig oder gar keine Frischluft ins Zimmer. Kriegel schlägt deshalb vor, den Lüftungserfolg durch CO2-Messung zu kontrollieren und durch eine CO2-Ampel zu überwachen. Steigt der CO2-Gehalt – und damit auch die mögliche Virenlast – über einen empfohlenen Wert, springt sie auf „Gelb“ und zeigt damit an, dass gelüftet werden soll. Ein weiteres Manko der Fensterlüftung kennt Heinz-Peter Meidinger, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. In einer dpa-Meldung stellt er fest: „An vielen Schulen lassen sich die Fenster in höher gelegenen Klassenräumen aus Sicherheitsgründen nicht oder nur einen Spalt öffnen.“ 


Tagesspiegel: Drei Länder zeigen, worauf es bei Schulöffnungen ankommt

Einige Auszüge:

„In Israel und Australien waren Schulen nur kurze Zeit offen, ehe sie wegen neuer Infektionen wieder schließen mussten. In Dänemark ging das Konzept auf.
Was andere Länder von den Ausbrüchen lernen können?
Forscher haben aufgrund der bisherigen Erfahrungen einen Kriterienkatalog für einen möglichst sicheren Unterricht entwickelt, schreibt die „New York Times“:

    • Klassen sollten aus 10 bis 15 Schülern bestehen, die den ganzen Tag zusammenbleiben. Auch in den Pausen.
    • Lehrer sollten nur eine einzige Gruppe unterrichten. So soll eine Übertragungen zwischen Gruppen verhindert werden. Gibt es einen Fall, müssen nur wenige Schüler und Lehrer in Quarantäne.
    • Unterricht noch stärker auf verschiedene Tageszeiten und Wochentage verteilen
    • Mix aus Präsenzunterricht und Heimarbeit
    • Ältere Schüler sollen möglichst digital unterrichtet werden.
    • Stundenpläne sollen über den ganzen Tag entzerrt werden.
    • Zwischen den Tischen soll ein deutlicher Abstand herrschen.
    • Maskenpflicht und regelmäßiges reinigen der Klassenräume.
    • Geöffnete Fenster oder anderweitige Belüftung.
    • Schulung der Kinder in Hygienemaßnahmen

NY Times: Rückkehr zur Schulnormalität in Israel lief dann wohl nicht so gut

Auszug: ”If there is a low number of cases, there is an illusion that the disease is over”, said Dr. Hagai Levine, a professor of epidemiology at Hebrew University-Hadassah School of Public Health. “But it’s a complete illusion.”. “The mistake in Israel,” he said, “is that you can open the education system, but you have to do it gradually, with certain limits, and you have to do it in a very careful way.”

Zu deutsch: Niedrige Fallzahlen erzeugen die Illusion, die Pandemie sei vorüber, sagte Dr. Hagai Levine, ein israelischer Epidemieologe der HUH-Universität. Es sei eine komplette Illusion. Der Fehler sei es gewesen, das Bildungssystem wieder zu schnell zu öffnen. Vielmehr müsse man die Öffnung vorsichtig, schrittweise und mit bestimmten Einschränkungen vollziehen.


Fazit:

Wer sich in Quartal4 / 2020 darüber verwundert zeigt, dass die schöne, alte, bequeme Normalität noch nicht erreicht ist und es immer wieder zu lokalen/regionalen Kontaktbeschränkungen oder kurzen, örtlichen Schulschließungen kommt, hat wahrscheinlich seine Hausaufgaben in punkto Bauchverstand, Selbstinformierung und Alltagsphysik nicht gemacht. 🙂 Wenn es anders kommt und besser wird als gedacht, auch gut! 🙂

Nachtrag vom 09.08.2020:

Im Pleite-Stadtstaat Berlin wird man sehen, was passiert oder auch nicht:
Zitat von Berlin.de: „Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller hält die coronabedingten Vorkehrungen zum Start der Schulen in den Regelbetrieb im Moment für ausreichend. <<Ich glaube das, was man machen kann in einem Schulbetrieb mit Hunderttausenden Schülerinnen und Schülern, das haben wir auch gemacht>>, sagte der SPD-Politiker am Freitag (07. August 2020) den Sendern RTL/ntv. Allerdings müsse man in den nächsten Monaten womöglich «nachsteuern», insbesondere mit Blick auf den Winter. Das neue Schuljahr für 325 000 Schüler an allgemeinbildenden Schulen und 33 000 Lehrer beginnt am 10.08.2020 ohne Mindestabstand, dafür mit Maskenpflicht und Hygieneregeln. Dazu gehört regelmäßiges Lüften der Unterrichtsräume in enger Taktung.“

 

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