* Oma-Umweltsau-Debatte – Empören statt diskutieren? Ein Plädoyer für Ironie und Zynismus

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Was ist los in diesem Land? Narzistische Empörung scheint wichtiger als inhaltliches Denken.

Hinweis: Diese Kolumne könnte streckenweise Ironie, teils sogar ein Fünkchen Wahrheit oder Gesellschaftskritik enthalten; eine entsprechende Kennzeichnung solcher Textpassagen, welche die Einordnung erleichtert, wurde absichtlich nicht vorgenommen. 🙂

Sarkasmus – die niederste oder höchste Form des Witzes?

Sarkasmus und Ironie sind wichtig für den Fortschritt einer Gesellschaft.
Wenn man sich die deutsche „Debatten“kultur seit ca. 10 Jahren anschaut, sieht es um den Fortschritt der Gesellschaft eher schlecht aus.

Eine Harvard-Studie kam zu dem Schluss, dass Sarkasmus/Ironie kreativer macht.
Zitat: „Die US-Forscher begründen das Phänomen mit unserer routinierten Etikette. An diese sind wir gewöhnt und damit können wir mühelos und gedankenlos umgehen. Sarkasmus hingegen strengt das Gehirn deutlich mehr an. Zum einen muss ihn der Adressat verstehen, zum anderen setzt derber Spott ein Mindestmaß an Eloquenz beim Sprecher voraus. Da somit bei Sender und Empfänger mehr Bereiche im Gehirn aktiviert und stimuliert werden, fördert Sarkasmus in Besprechungen also die Kreativität.“


Die Umweltsau

Kommen wir zurück auf das Lied mit der „Umweltsau“.
Wo ist das Problem, wenn ein Kinderchor „meine Oma ist ne Umweltsau“ singt? Darf Satire das nicht mehr?
Nach mehreren Jahren Feinstaub- und Dieseldebatten, nach allgegenwärtiger Diskussion über Helikopter- und Curling-Eltern singt ein Kinderchor über Omas (und wohl auch über Eltern), die ihre Kinder täglich mit dem 2-Tonnen-Geländeauto direkt vor die Schule fahren, und Deutschland gerät in eine Gesellschaftskrise? 🙂

E-Autos, Wasserstoff-Autos, Ressourcenhunger, CO2-Reduktion, Feinstaub, Raubbau am Planeten. Wäre nicht die Frage spannender, mit welcher Verbrauchsreduktion jeder im Alltag anfangen kann, sodass weniger konsumiert werden muss? Sind wir zu bequem, um den Wachstumszwang des auf (Über-)Schulden gebauten Scheinwohlstands etlicher Gesellschaften zu thematisieren?

Interessant ist, wer sich am Lautesten über das harmlose Lied, das übrigens das Sprachniveau jahrzehntealter „Trecker fahren“-Witze hat, beschwerte.
Waren es die Omas? Man könnte glatt meinen, es wären Horden beleidigter Altersheim-Insassen mit Mistgabeln und Fackeln gegen umweltbesorgte Schülergruppen in den Straßenkampf gezogen. Fehlanzeige!
Oder waren wieder jene Twitter- und Facebook-Nutzer aus der Empörungskultur am Lautesten, deren Finger beim ersten Gedanken der Tastatur näher war als dem Gebot des kurzen Innehaltens („erste denken, dann reflektieren, dann tippen“) und zwar genau solche Vertreter, die aus Karrieregründen die eigene Oma in die Seniorenresidenz abgeschoben und ihr auch dieses Jahr nicht zum Geburtstag gratuliert haben? 🙂


Ironie – Gehirnstimulanz und insbesondere dann, wenn es ernst wird!

Hypermoralische Debatten – nur um der moralischen Selbstüberhöhung Willen – sind in keinem Themengebiet zielführend.

Ironie, Satire, Zynismus und Sarkasmus hingegen brechen Denkstrukturen auf, stoppen unreflektierte Fremdmeinungsreproduktion und regen zur Betrachtung anderer Sichtweisen an.

Von der Gegenseite betrachtet könnte man frei nach Gustave Le Bon („Die Psychologie der Massen“, 1912) formulieren:
Trainiert man einer Gesellschaft die sachliche Debatte ab, indem fachliche Einwände durch emotionale Argumente entkräftet werden, so riskiert man die Polarisierung der Gesellschaft. Und je stärker die Masse des rationalen Diskutierens entwöhnt wurde, desto schneller wird sie den Staat einreißen.
Erleben wir nicht aktuell die emotionale Ausfransung des politischen Spektrum bei politischen Denkrichtungen aller Richtungen (links-extrem, rechts-extrem, öko-extrem, wachstums-extrem, etc)?

Ein Artikel der Zeit schrieb 2016: „Echte Ironie ist eine Haltung – zunächst sich selbst gegenüber. In seinem Fragebogen fragt Max Frisch: „Haben Sie Humor, wenn Sie alleine sind?“ Wie pralle ich auf die Welt, wie begegne ich mir selbst, meinen Gedanken, meinen Gefühlen, meinen Hoffnungen und Sehnsüchten? Man kann da natürlich ohne Ironie rangehen – nur versäumt man dann eine Menge. Denn Ironie erzeugt keine Distanz, wie ihre Gegner behaupten. Sie hilft Distanz überwinden. Der ironische Blick auf das Leben erfordert nämlich zum einen ein genaues Hinsehen und zum anderen ein unbedingtes Zulassen.(…) Sie ist ein Ausdruck von Veränderungswillen und selbstständigem Denken. Ohne Ironie zu leben heißt, die Dinge, wie sie sind, als gottgegeben zu nehmen. Es bedeutet, sich nicht mehr zu wehren. (…) Ironie ist kein Luxus, den man sich nur in fröhlichen Zeiten leisten kann. Ironie ist eine Waffe, die man braucht, wenn es ernst wird.


Und wo befinden wir uns jetzt?

Man könnte angesichts der Umweltsau-Debatte fast den Eindruck bekommen, die deutsche Diskussionskultur zwängt sich beim Empörungslimbo mittlerweile unter jedes noch so geistig niedrige Holzstöckchen, das man ihr hinhält, anstatt ernsthaft die dahinterliegenden Probleme zu benennen und zu lösen.

Warum ist das so?

Die schweizer Zeitung NZZ analysierte im September 2018 die deutsche Situation:
„In den letzten Jahren ist die Kluft zwischen der Größe der realen Probleme – bei Digitalisierung, Migration, Klima und in vielen anderen Bereichen – und der Größe der Politik von Union und SPD immer tiefer geworden. Und in diese Lücke strömen Moraldebatten. (…) Moralische Debatten gehen nicht so leicht zu Ende, sie bedürfen auch nicht des Kompromisses – Politik hingegen benötigt Kompromiss und Entscheidung. Mit Entscheidungen nimmt die Politik eine Last auf sich – und damit der Gesellschaft von der Seele. Genau das ist (Anm: wäre!) die Aufgabe von Politik.


Was fehlt?

Brauchen wir wieder mehr Kabarettisten, Satiriker und Kolumnisten, die Denk- und Sprach-Tabus auf intelligente Weise brechen und dabei der Gesellschaft den Spiegel vorhalten?

Wer unter „moralischer Schnappatmung“ leidet, sollte sich z.B. das nachfolgende Stück von Joseph Hader besser nicht anschauen; ein perfides Spiel mit antrainierten Vorurteilen nach dem Motto „wer immer auf die anderen zeigt ….“:

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