* Zum Tod von Herbert Feuerstein – „Die Welt ist doof, aber wir sind doofer..“

In memoriam Herbert Feuerstein (* 15. Juni 1937 – 6. Oktober 2020):

Erinnert sich noch jemand an das Impressum des deutschen MAD-Magazins, das wir unter der Schulban.. äh ich meine … zuhause nach Erledigung den Hausaufgaben lasen und austauschten? 🙂 Etliche Jahre stand dort ein Postfach in 8760 Miltenberg. Der Grund: Chefredakteur Herbert Feuerstein lebte etliche Jahre in Weilbach am Untermain.

Was waren das noch fĂĽr unverkrampfte Humor-Zeiten, auch in der TV-Sendung „Schmidteinander“ mit dem kongenialen Duo Harald Schmidt und Chefautor Herbert Feuerstein: böser Humor, ekliger Humor, vorurteilsbeladener Humor, (heute) „politisch inkorrekte“ Witze, das Quälen des Publikums mit (abgesprochen) im Sand verlaufenden Gags, getĂĽrkten (ja, das durfte man damals auch noch sagen) Telefonaten, zu Kult avancierten Running Gags und teils bösartig flachen, teils dadaistischen Sketcheinlagen.

Mit Herbert Feuerstein verliert Deutschland einen intelligenten und weit unterschätzten Humoristen, der sich nie zu schade war, Witze, Gags und Pointen brutalst auf seine Kosten zu schreiben, wenn es nur dem Format half. „Feuerstein“ war die Person, die mit „Schmidteinander“ ein Format schuf, das erstmalig im deutschen TV eine Kreuzung aus Anarchie und amerikanischer LateNightShow darstellte; und er sagte oft genug, dass es nur einen möglichen Hauptmoderator gab, den er dazu in der Lage sah: Harald Schmidt, der mit seiner Improvisationskunst und Schlagfertigkeit zwischen den von Feuerstein geschriebenen Fixpunkten und Gags moderierte, interviewte und dem Chefautor Feuerstein die Bälle der charmanten DemĂĽtigung zuspielte.

Nachfolgend einige Schnipsel in Erinnerung an Herbert Feuerstein und gelungene Nachrufe:

„FĂĽr sein Wirken wurde er unter anderem mit dem Grimme-Preis, dem Bambi und dem Comedy-Ehrenpreis ausgezeichnet. WDR-Intendant Tom Buhrow wĂĽrdigte Feuersteins „klugen Humor, seine herrliche Albernheit und den intelligent durchdachten Anarchismus“.

Nachruf der tz; Oktober 2020

Main Echo: „Als Herbert Feuerstein in Weilbach lebte“: (gesperrt von einer Paywall) hier

Nachruf des Berliner Tagesspiegels:
https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien/mit-83-jahren-herbert-feuerstein-gestorben/26252878.html

Ă„lterer Artikel zum MAD-Magazin:
https://www.tagesspiegel.de/kultur/comics/veranstaltung-lechz-hechel-aechz-wuerg/1842578.html

Kultur … bei Schmidteinander … mit Franz Schubert’s „Jäger’s Liebeslied“
gefolgt vom legendären (Nicht-)Interview mit Dieter Thomas Heck:

Herbert Feuerstein in der Harald Schmidt Show; kongeniales Duo Schmdit-Feuerstein; Feuerstein humor-verfremdend wie gewohnt:

Herbert Feuersteins vertonte bereits 5 Jahre vor seinem jetzigen Tod einen autobiographischen Nachruf auf sich selbst: konzipiert als Radiosendung mit klassischer Musik, ca 2 Stunden); selbst moderiert, selbst getextet, z.T. selbst, zum Teil von Sprechern gesprochen; aufgezeichnet im Januar 2015.
(„Ich bin jetzt tot und Sie, liebe Hörerinnen und Hörer werden es auch irgendwann sein … dann sind wir quitt!“)
https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr5/wdr5-spezial/audio-herbert-feuersteins-nachruf-auf-sich-selbst-100.html … oder hier auf Youtube:

Der filmische Nachruf des WDR:

Nachfolgend die legendär verstörenden letzten 5 Minuten der 50.ten und letzten Schmidteinander-Sendung (Dezember 1994). Das Publikum wurde ca. 10 Minuten vor SchluĂź an Thomas Gottschalk weiterverkauft, der es mit dem Bus abholte (natĂĽrlich nicht live sondern eine aufgezeichnete MAZ, die als live verkauft wurde). Die letzten Minuten verliefen als surreales Zerrbild des Formats: ohne Zuschauer im leeren Studio … ohne Applaus … minimalistisch … mit bewusst in den Sand gesetzten Gags, geplant unversöhnlich und einsam:

Schlusswort:

„Wir – das MAD Magazin – waren die in der Schule am meisten beschlagnahmte Zeitschrift; darauf waren wir ordentlich stolz.
Für mich war es tatsächlich wichtig, und es ist auch ein immer noch gültiges Konzept, dass man jungen Leuten beibringen muss, dass sie sich selbst nicht ernst nehmen dürfen, dass sie alles anzweifeln müssen. Dass nichts absolut ist, dass es keine endgültigen Wahrheiten gibt.
Deswegen bin ich nicht im Kabarett zu Hause, weil da gerne das gepredigt wird, was diejenigen, die dorthin kommen, längst selber schon wissen. Da ist immer der erhobene Zeigefinger: Wir sind die Guten!
Aber wir sind nicht die Guten! Wir sind gut und schlecht; wir sind eine Mischung von allem.“
– Herbert Feuerstein

https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/interview-mit-herbert-feuerstein-a-1001499.html

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